Neues aus der Bauhaus-Forschung

2019 wird das 100. Gründungsjubiläum des "Bauhauses" bundesweit gefeiert. Im Landesmuseum erforschen die Kunsthistoriker Gloria Köpnick und Rainer Stamm seit Dezember 2016 die Beziehung zwischen Oldenburg und der wegweisenden Avantgarde-Hochschule der Weimarer Republik. Im Mittelpunkt steht das Wirken von vier "Bauhäuslern" aus Oldenburg und Ostfriesland: Hermann Gautel, Hin Bredendieck, Karl Schwoon und Hans Martin Fricke.

Warum war das Bauhaus so bedeutend und welche Verbindungen gibt es mit dem Oldenburger Land und dem Landesmuseum?

Stamm: Das Bauhaus, zunächst in Weimar, dann in Dessau, war die einflussreichste Hochschule für Gestaltung im 20. Jahrhundert und ein Experimentierfeld für neue Ideen, die bis in unsere Gegenwart wirken. Das Landesmuseum Oldenburg gehörte Mitte der 1920er Jahre zu den ersten Museen, die sich zu dem Ansatz dieser innovativen Ausbildungsstätte bekannten und Arbeitsproben der neuartigen Produkte ausstellten. Es wirkte wie ein Botschafter für die Bauhaus-Ideen in Nordwestdeutschland. Der erste Direktor des Landesmuseums, Walter Müller-Wulckow, empfahl einigen talentierten jungen Künstlern aus Oldenburg, ans Bauhaus zu gehen, was sie für den Rest ihres Lebens prägen sollte.

Köpnick: Alle vier Bauhäusler hatten auf verschiedenen Wegen Verbindungen zum Landesmuseum. Auf Anfrage von Müller-Wulckow gestalteten Gautel und Bredendieck Mitte der 1930er Jahre Möbel und Vitrinen für einen der Luftfahrt gewidmeten Raum im Oldenburger Schloss - der übrigens in Teilen erhalten ist. Fricke war nach dem Krieg als Architekt in Oldenburg tätig, einige seiner Gebäude stehen heute noch. Und als Karl Schwoon aus dem Krieg zurückkehrte, baute er in Oldenburg die avantgardistische "galerie schwoon" auf. Er organisierte modernste Ausstellungen und gestaltete den kulturellen Wiederaufbau der Bundesrepublik mit, vor allem aber handelte er auch mit dem Landesmuseum, das einige grafische Werke kaufte. Alle vier haben in Oldenburg ihre Spuren hinterlassen, die wir bis heute nachverfolgen können.

Was konnten Sie bisher schon über die vier Bauhäusler im Oldenburger Land herausfinden?

Köpnick: Im vergangenen halben Jahr haben wir ihre Lebensläufe erarbeitet. Für unsere weitere Forschung ist es wichtig, dass wir erst einmal einen Überblick über die Werke und Lebensstationen der vier gewinnen. Wir möchten ihre Geschichten als Ganzes vorstellen: Nicht nur den Hin Bredendieck, der am Bauhaus studierte. Wir möchten den Hin Bredendieck kennenlernen, der in Aurich geboren wurde, dann nach Dessau ging, dort lernte und in der Metallwerkstatt innovative Beleuchtungskörper entwickelte. Und den dann seine Ideen, Anregungen und Entwürfe über Berlin und Zürich zurück nach Oldenburg führten. Als einziger wählte er 1937 den Weg ins Exil: Einer Lehrtätigkeit am New Bauhaus Chicago folgte 1952 schließlich eine Professur für Industriedesign an der Georgia Tech in Atlanta. Was für ein Weg: von Aurich nach Atlanta! Die Lebenswege der Bauhäusler, die ja alle ähnlich begannen - die Wurzeln im Oldenburger Land, das Studium am Bauhaus - endeten unter dem Einfluss von Krieg, Politik und Emigration sehr unterschiedlich.

Wie finden Sie Antworten auf ihre Fragen?

Köpnick: Die Bauhäusler haben sowohl in den Archiven des Landesmuseums als auch in städtischen, regionalen, nationalen und internationalen Archivbeständen ihre Spuren hinterlassen. Briefwechsel, Fotografien und vieles mehr helfen uns, Schritt für Schritt ihre Lebens- und Werkbiographien zu rekonstruieren. Selbstverständlich haben wir auch die bestehende Forschungsliteratur auf unsere Bauhäusler abgeklopft. Wichtig für unsere Untersuchung ist zudem der enge Austausch mit den Bauhaus-Museen in Berlin, Weimar und Dessau sowie den Nachfahren der Künstler und mit den wenigen Menschen, die unsere Bauhäusler noch persönlich gekannt haben. Insgesamt ist die Arbeit detektivisch: Wir setzen ein vielteiliges Mosaik zusammen, und allmählich wird daraus ein Bild erkennbar.

Besitzt das Landesmuseum auch Bauhaus-Exponate?

Köpnick: Ja, wir haben ca. 40 Objekte, die am Bauhaus entstanden sind: Möbel, Kunstgewerbliches, Zeichnungen ... Zählen wir alle Archivalien dazu, ist diese Zahl natürlich bedeutend größer. Die Objekte beziehen wir in unsere Forschung mit ein. Schließlich geht es auch darum, die Beziehung zwischen Landesmuseum und Bauhaus so detailliert wie möglich zu rekonstruieren. Darüber hinaus sind wir beständig dabei, unsere Sammlung zu vergrößern: Wir konnten den künstlerischen Nachlass von Hermann Gautel erwerben sowie einen Lampenentwurf, den Hin Bredendieck gemeinsam mit dem Schweizer Designer Sigfried Giedion ausgeführt hat. Besonders interessant sind auch frühe, zunächst verschollen geglaubte Bauhaus-Möbel, die Hans Martin Fricke zeitgleich mit Marcel Breuer entwickelt hat.

Das Bauhaus wurde ja in Weimar gegründet. Gibt es besondere Bezüge des Projektes dorthin?

Stamm: Wir arbeiten eng zusammen mit den Bauhaus-Museen. In Weimar haben Frau Köpnick und ich im März einen Vortrag über Hans Martin Fricke und das Bauhaus in Oldenburg gehalten, in dem wir erstmals präsentieren konnten, was aus dem Bauhäusler Fricke nach seiner Rückkehr nach Oldenburg geworden ist. Für die Klassik Stiftung Weimar war gerade dieses Beispiel einer 'gebrochenen Biografie' von großem Interesse.

Wie geht's in nächster Zeit weiter?

Köpnick: Da es in Vorbereitung auf das große Jubiläum 2019 viele Forschungs- und Ausstellungsvorhaben gibt, wollen wir uns im November mit Kolleginnen und Kollegen aus dem ganzen Land austauschen und laden hierfür zu einem wissenschaftlichen Symposium über „Das Bauhaus in der Provinz“  ins Landesmuseum ein. Dazu werden einige der wichtigsten Vertreter der Bauhaus-Forschung nach Oldenburg kommen und neueste Forschungsansätze vorstellen, aber auch einige vielversprechende Doktoranden haben wir eingeladen ihre Ideen zu präsentieren. Wir werden sowohl über den Einfluss des Bauhauses auf die Region sprechen, als auch diskutieren, wie der Bauhaus-Gedanke weitergetragen wurde und bis heute fortbesteht. Die Veranstaltung richtet sich an wissenschaftliches Fachpublikum, aber natürlich ist auch jeder andere interessierte Hörer herzlich willkommen.

Stamm: … und 2019 werden die Ergebnisse, Exponate und Geschichten, die wir erarbeitet haben, in einer großen Ausstellung im Augusteum präsentiert: „Zwischen Utopie und Anpassung – Das Bauhaus in Oldenburg“. Dann sollen beispielsweise auch Arbeiten von Hin Bredendieck aus Atlanta in Oldenburg zu sehen sein!

Das Forschungsprojekt "Das Bauhaus in Oldenburg - Avantgarde in der Provinz" wird ermöglicht durch Forschungsmittel des Landes Niedersachsen und unterstützt durch die Kulturstiftung des Bundes.

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