Kunstwerk des Monats

Februar 2017

Romanischer Bronzekruzifixus, Mitte 12. Jahrhundert, westfälisch

Im Oldenburger Landesmuseum befindet sich ein bedeutendes Beispiel aus der Gattung der romanischen Bronzekruzifixe, die als Vortragekreuze, Reliquienbehälter und vor allem als Teil von Altarausstattungen dienten. Die kleine, nur 17 cm in der Höhe messende Figur von um 1150 zeigt den gekreuzigten Christus. Die Füße, die im Gegensatz zu den Händen nicht von Nägeln durchbohrt sind, ruhen parallel über einem Keilstück mit abgebrochener Öse. Ein wie sonst häufig übliches Suppedaneum, ein stützendes Fußbrett, ist nicht (mehr) vorhanden. Auf dem Oberkörper scheinen fünf Rippenpaare deutlich durch die Haut, darüber ist die Brust angedeutet. Die auf Schulterhöhe ausgestreckten und nur leicht gebeugten Arme zeugen von der Marter am Kreuz, ebenso wie die durchbohrten, auffallend großen Handflächen mit den eingelegten Daumen. Das bärtige Haupt, von dem die leicht welligen, in der Mitte gescheitelten Haare auf die Schultern des Gekreuzigten fallen, ist zur linken Seite gesenkt, die großen, mandelförmigen Augen sind geschlossen.

Besondere Aufmerksamkeit verdient die Gestaltung des Lendentuches mit den parallelen Rundfalten über den Oberschenkeln und dem horizontalen Abschluss sowie einer Mittelfalte, die in einem großen Mittelknoten vor dem vierfach gesträhnten Gürtel, dem Cingulum, endet. Diese Merkmale helfen bei der stilistischen Einordnung, der Datierung und der Lokalisierung der romanischen Bronzekruzifixe, von denen sich über 600 Exemplare erhalten haben. So lässt sich die Oldenburger Kleinplastik in eine Untergruppe des Normaltypus einordnen, zu dem etwa 100 Stücke zu zählen sind. Deren Verbreitungs­gebiet erstreckt sich über ganz Europa, das Hauptvorkommen ist allerdings in Niedersachsen und Westfalen zu verorten.

Von einem triumphalen Siegessymbol, als das das Kreuz noch im frühen Christentum fungierte, kann hier kaum die Rede sein. Die geschlossenen Augen, das gesenkte Haupt und der ausgemergelte Körper lassen erkennen, dass der Gekreuzigte tot ist. Er verkörpert somit den Typus des Christus mortuus. Es gibt jedoch auch andere Beispiele. Viele der Figuren sind mit geöffneten Augen dargestellt, zeigen also den lebendigen Christus (Christus vivus). Diese ikonographische Ambivalenz, die sich aus dem überlieferten Material ergibt, bleibt rätselhaft. Eine Erklärung, wann und warum der lebende und wann und aus welchen Gründen der tote Christus dargestellt wurde, konnte bislang nicht gefunden werden. In jedem Fall dienten die Altarkreuze der Vergegenwärtigung der Passion Christi und bei der Messe als Ausdruck der auf dem Altar gefeierten, unblutigen Erneuerung des Kreuzopfers. Die fundamentale, sakramentale Bedeutung des Kreuztodes ist entscheidend für die Konjunktur der entsprechenden liturgischen Geräte, die für die Ausstattung jeder Kirche unabdingbar waren.

Mit dem Übergang zur Gotik vollzog sich ein weiterer Wandel in der Darstellungsweise der Kruzifixe. Spricht man bei den romanischen Kruzifixen vom Viernageltypus, da die Beine und Füße Christi parallel nebeneinander auf dem Suppedaneum stehen und somit – zusätzlich zu den beiden Nägeln in den Handflächen – von zwei weiteren Nägeln durchbohrt werden, ist für die Gotik der Dreinageltypus prägend, bei dem die Füße übereinander gelegt und daher nur mit einem Nagel durchbohrt sind.

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