Kunstwerk des Monats

Juni 2017

Paul Goesch, Maria mit vier Evangelisten, 1919/25, Gouache, 227 x 235 mm, Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg, Foto: Sven Adelaide
Paul Goesch, Maria mit vier Evangelisten, 1919/25, Gouache, 227 x 235 mm, Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg, Foto: Sven Adelaide

„Die Farbe muß sich wohl fühlen im Pinsel“, forderte der Architekt und ‚Outsider’-Künstler Paul Goesch 1920: „Die Malerei kann sich auch die Aufgabe stellen, so zu wirken, daß der Beschauer auch Lust zum Malen bekommt, wie man allgemein singt und Klavier spielt. Sie muß also mühelos, unter Ausschaltung alles Gelernten, ausgeübt werden und doch so, daß eine verlockende Schönheit übermittelt wird.“

Dieses Credo scheint Paul Goesch (1885-1940) auch bei der Ausführung unseres Kunstwerks des Monats geleitet zu haben: Nachdem sich der Blick durch das chaotische Bunt der Gouache gewunden hat, ist unter einem Baldachin, der von geflügelten Engeln gehalten wird – die Gottesmutter Maria zu erkennen. Goesch, der Architektur studiert und sich das Ausdrucksmittel der Malerei autodidaktisch erobert hatte, verzichtet hier auf eine konventionelle, die Komposition ordnende Perspektive. Gleichwohl bietet er dem Betrachter Anhaltspunkte, um das Gesehene zu ‚verorten’: Maria und ihr auf einer von Wasser umgebenen Insel gelegener Thron bilden das Zentrum des phantasievollen Werks. Auf kleineren, grün überwachsenen Inseln in den Bildecken knien die vier Evangelisten. Bei genauerer Betrachtung sind Land, Wasser und Himmel dicht bevölkert: Vier Segler kreuzen vor der Hauptinsel auf einer Art Wikingerschiff, kleine, kindlich gezeichnete Gestalten bilden die Pfeiler des Throns und auch die vier Evangelisten sind umringt von einer Vielzahl kleinerer Figuren. Das ‚Wimmelbild’ fordert den Betrachter in vielen Details zum Entdecken auf. Der Reiz des Werks liegt jedoch vor allem in der farbstarken, teils ornamentalen Gestaltung, die durch den unruhigen Duktus an zusätzlicher Dynamik gewinnt: „Er ‚beherrscht’ die Farben und die Linien nicht ­– er läßt sie frei“, wie der Kunstpublizist Adolf Behne 1920 über den Künstler schrieb.

Im Œuvre von Paul Goesch bilden religiöse Motive, nicht nur des Christentums, sondern auch des Buddhismus sowie indische Tempelmotive, eine umfangreiche Bildgruppe. Unsere Gouache „Maria mit vier Evangelisten“ entstand vermutlich bei einem der Aufenthalte des Künstlers in der Psychiatrie, die seine geistige Konstitution ab 1917 regelmäßig erforderte.

Während seiner Tätigkeit als Regierungsbaumeister in Culm an der Weichsel (heute Polen), wo er von 1915 bis 1917 arbeite, erkrankte Goesch psychisch stark. Infolgedessen wurde er in einer nahegelegenen Heilanstalt, wo er sich bis Herbst 1919 aufhielt, gegen Schizophrenie behandelt. In diesen Jahren entstanden die ersten datierten künstlerischen Arbeiten und eine wahre Schaffensflut setzte ein.

Nach seiner Entlassung aus der Heilanstalt wurde Paul Goesch vom Staatsdienst befreit und pensioniert und siedelte nach Berlin über. In der Metropole verkehrte er in Künstlerkreisen und wurde aktives, regelmäßig an Ausstellungen beteiligtes Mitglied der „Novembergruppe“ sowie des „Arbeitsrats für Kunst“. Als studierter Architekt wurde er Mitglied in der von Bruno Taut gegründeten Architektenvereinigung „Die Gläserne Kette“, der u.a. Walter Gropius, Wenzel Hablik, Wassili Luckhardt und Hans Scharoun angehörten, und die sich in Rundbriefen über Ideen einer utopischen Architektur austauschten.

Goeschs gesundheitlicher Zustand  blieb jedoch nicht stabil, so dass er sich ab 1921 dauerhaft in der Psychiatrie aufhielt. Als sogenannter ‚Outsider‘-Künstler lebte er mit wenigen Unterbrechungen bis 1934 in der Heilanstalt von Göttingen, die von seinem Schwager geleitet wurde. Goesch blieb dennoch aktiver Akteur auf dem avantgardistischen Kunstmarkt und nahm weiterhin an Ausstellungen teil.

Das nationalsozialistische Regime veränderte die Lebensumstände von Goesch radikal:  1934 wurde er in eine Anstalt im brandenburgischen Teupitz verlegt, in der er keine Privilegien mehr besaß. Seine Werke wurden als bald als „entartet“ diffamiert und verschiedenen Orts beschlagnahmt. 1940 wurde Paul Goesch im Rahmen des nationalsozialistischen „Euthanasie“-Programms in einer Tötungsanstalt in Brandenburg an der Havel ermordet.

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