Kunstwerk des Monats

Dezember 2017

Johannes Lingelbach: Hafenszene, um 1647
Öl auf Leinwand
121 x 108 cm
Leihgabe der Bundesrepublik Deutschland
Inv. L-13.963

 

Im Oktober 1967 gelangte das großformatige Gemälde „Hafenszene“ von Johannes Lingelbach (1622–1674) als Leihgabe der Bundesrepublik Deutschland in die Gemäldesammlung des Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg. Es gehört zu einem Konvolut aus insgesamt 31 Gemälden, mehreren Arbeiten auf Papier und einigen kunstgewerblichen Objekten, das im Verlauf der 1960er Jahre aus dem Ressortvermögen der Bundesfinanzverwaltung nach Oldenburg gegeben wurde, um es der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Ursprünglich stammen die Werke aus den Beständen des Münchner „Central Collecting Points“ (CCP), der 1945 von den Alliierten als Sammelstelle für sichergestellte Kunst- und Kulturgüter mit unbekannter Herkunft eingerichtet worden war.


Der 1622 in Frankfurt am Main geborene Landschaftsmaler und Grafiker Johannes Lingelbach war zu Beginn der 1630er Jahre mit seiner Familie nach Amsterdam übergesiedelt und reiste ab 1642 nach Frankreich und Rom, um aktuelle Positionen in den vom Barock geprägten Kunstzentren Europas zu studieren. In der italienischen Metropole schuf er zahlreiche Veduten und figurenreiche Hafenansichten, die sich durch ihre außerordentliche kompositorische Qualität, den meisterlichen Duktus, einen beeindruckenden Detailreichtum und die präzise Schilderung zeitgenössischer Verhältnisse auszeichnen. Um 1647 malte er die figurenreiche „Hafenszene“, die ein frühes Zeugnis für die intensive Beschäftigung des Malers mit südländischen Hafenszenerien darstellt: Vor einer aufragenden Bergkulisse und dem Fragment einer antiken Säulenarchitektur wird das bunte Treiben an einem Hafenkai geschildert, welcher durch die räumliche Verdichtung des Bildpersonals und die narrative Bildsprache als Bühne eines Theatrum mundi erscheint. Begüterte Reisende mit einem Windhund an ihrer Seite warten auf das Ablegen des Schiffes, während Matrosen ihrer Arbeit nachgehen und Güter auf- beziehungsweise abladen. Händler aus Europa und dem Orient verhandeln über die Preise ihrer Waren und stehen damit stellvertretend für die damalige Verlagerung des europäischen Orienthandels auf den Seeweg. Ob es sich bei dem dargestellten Hafen um einen fiktiven Ort handelt oder der Hafen von Civitavecchia möglicherweise als Vorbild gedient hat, der 69 Kilometer nordwestlich von Rom gelegen zu den wichtigsten Häfen im Mittelmeer gehörte, ist nicht verifizierbar. Belegt ist hingegen, dass der Maler wiederholt topographische Elemente und architektonische Versatzstücke aus bekannten südeuropäischen Städten wie Genua verwendete, um aus ihnen Ideallandschaften zu komponieren, die der Vorliebe niederländischer Käufer an exotischen Hafenansichten entsprachen. Die Bedeutung der Niederlande als weltumspannende See- und Handelsmacht, die sich in den Arbeiten des Goldenen Zeitalters widerspiegelt, mag den Kunstgeschmack dieser Zeit geprägt haben. Die gekonnt in Szene gesetzte Lichtführung erinnert an die kunstvolle Hell-Dunkel- Malerei des frühbarocken Meisters Caravaggio, dessen Arbeiten Lingelbach in Rom sicherlich studieren konnte. Das warme, von links auf die Szenerie scheinende Licht verrät einen niedrigen Sonnenstand und lässt die bloßen Oberkörper von zwei Matrosen und das reisende Paar im Mittelpunkt der Personenanordnung hell erstrahlen. Die übrigen Bildakteure treten in den Schatten des Bildes zurück und verschmelzen teilweise mit der sie umgebenden Kulisse.
Im Mai 1943, rund 300 Jahre nach der Entstehung der Hafenszene, erwarb der Sonderbeauftragte für Hitlers geplantes „Führermuseum“ in Linz Hermann Voss das Gemälde bei der Berliner Kunsthandlung Dr. Rudolf Grosse. Da der Linzer Museumsbau kriegsbedingt nicht realisiert werden konnte, wurde das Gemälde mit zahlreichen anderen Werken zunächst in Depots gelagert. Ab Mai 1945 wurde es von alliierten Kunstschutzoffizieren, den sogenannten „Monuments Men“, sichergestellt und im Münchner „Central Collecting Point“ mit dem Ziel der Restitution deponiert. Die Herkunft des Bildes und etwaige Vorbesitzer konnten bis heute jedoch nicht ermittelt werden.

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