Kunstwerk des Monats

Januar 2018

Werner Gilles, Vier Fotopostkarten, 1922
Bromsilberpostkarten mit Bleistiftzeichnungen und Gouache-Überzeichnungen
13,9 x 8,5 cm
Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg
Inv. 14.540 - 14.543

„Ich habe hier ein Atelier, in dem ich arbeite und träume. Meine Beziehungen zum Staatlichen Bauhaus sind nur formell. Ich stehe den Futuristen Molzahn, Her[r]mann, Roehl nahe“, beschrieb Werner Gilles (1894-1961) im Oktober 1919 sein Verhältnis zum neugegründeten Bauhaus in Weimar und bemerkte: „Die Idee Gropius‘ ist mir sympathisch. Er will einheitlichen Geist sammeln, um bauen zu können, um uns zu einer Kultur zu verhelfen.“

Ab dem Wintersemester 1919 nahm Gilles Unterricht in der Klasse von Lyonel Feininger, der dem bereits 25-jährigen genügend Freiheiten ließ, seinen eigenen Stil zu entfalten, zumal er auch schon einige Vorbildung mitbrachte. Doch bereits im Frühjahr 1921 zog es Gilles in den Süden. Diesem ersten, rund einjährigen und prägenden Aufenthalt, sollten viele weitere Italien-Reisen folgen, die seine Vorstellung von Kunst und Lebensweise nachhaltig veränderten.

Zurück in Weimar – und im trubeligen Bauhausleben – entstand im August 1922, während seines zweiten Aufenthalts am Bauhaus, die vorliegende, sehr eigentümliche Serie: Vier Portraitpostkarten, die alle – in der Art einer Autogrammkarte – die heute vergessene Vortragskünstlerin Margot Ernesto sitzend an einem mit einem Blumenstrauß gedeckten Tisch zeigen und deren Bildseiten von Werner Gilles mal mehr und mal weniger verfremdet wurden. Die vier zwischen dem 10. und dem 14. August 1922 einzeln versandten Fotopostkarten, von denen eine signiert ist, überzeichnete und übermalte Gilles auf der Bildseite auf ganz unterschiedliche Weise: Mal bemalte er der abgebildeten Dame die Arme in Seefahrer-Manier mit Anker und Herzchen, „legte“ ihr Schmuck an oder fügte eine Blumenvase und einen kleinen Vogel hinzu.

Die radikalste Fassung ist die Karte vom 13. August: Farbstark und kontrastreich übermalte er die Portraitierte und ließ aus ihr – in stark vereinfachten Formen – eine Art Madonna mit Heiligenschein werden. Die italienischen Worte auf dieser Karte erinnern an seinen nicht lang zurückliegenden Italien-Aufenthalt, wie auch der Text der Rückseite: „WGilles e Emilia / sposati in spe“ (zu dt.: „WGilles und Emilia / zukünftig verheiratet“). Doch die erwähnte Verlobung bleibt rätselhaft. Bis Herbst 1920 war Werner Gilles mit der Bauhäuslerin Gunta Stölzl liiert. Die Verlobung mit einer Emilia ist nicht bekannt und auch der Empfänger in Kiel gibt Rätsel auf. Von besonderem Interesse sind neben den Adress- auch die Textfelder der Postkarten: Statt einer schriftlichen Mitteilung skizzierte Gilles kleine Figuren in einer kindlichen Bildsprache, die an Miró, Picasso oder die Kunst der Dadaisten erinnern.

Noch etwas über ein Jahr – bis Oktober 1923 – blieb Gilles in Weimar und beteiligte sich u.a. an der legendären Bauhaus-Ausstellung 1923. In dieser Zeit freundete er sich mit Gerhard Marcks und Oskar Schlemmer an, mit denen er auch danach in Kontakt blieb: „Als Lehrer stand mir Oskar Schlemmer in seiner Hoheit ganz besonders nahe“, erinnerte er sich viele Jahre später an den Bauhausmeister.

Nach seinen Bauhaus-Jahren war Gilles ab Herbst 1923 als freischaffender Künstler tätig und unternahm zahlreiche Reisen in Europa. Seine Malweise, die zunächst aus einer Gemengelage aus Expressionismus, Futurismus, Konstruktivismus und Kubismus entstanden war, veränderte sich in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre zu einem charakteristischen und zum Teil sehr farbstarken Stil. Die Landschaftsmalerei – auch beeinflusst von seinen zahlreichen Reisen – bildet eine große Motivgruppe in seinem Gesamtwerk.

Spätestens ab 1951 lebte er in München und auf Ischia. Bereits 1919 – bei seinem Eintritt in die Avantgarde-Hochschule – hatte er gewusst: „Ich will lieber Vagabund sein als Handwerker.“

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