Kunstwerk des Monats

Oktober 2017

Unbekannter Bildhauer
Statuetten der Justitia und der Caritas

Gerechtigkeit und Nächstenliebe

Die beiden Statuetten bestechen durch ihre feine Arbeit. Auch wenn der Künstler unbekannt geblieben ist, handelt es sich jedoch um einen exzellenten Handwerker, der internationalen Standards der Bildhauer-technik seiner Zeit gerecht zu werden verstand. Auf den ersten Blick scheinen die beiden ca. 30 cm hohen Arbeiten aus feinkörnigem weißem Marmor zu bestehen. In Wahrheit handelt es sich um Alabaster, eine Abart des Gipses.

Die beiden weiblichen Figuren sind nicht farbig gefasst, sondern lediglich an kleinen Partien der Gewänder sowie des Haupthaares vergoldet. Die Vergoldung unterstreicht wirkungsvoll jene "alabasterfarbene Blässe" menschlicher Haut, die vom 17. bis ans Ende des 19. Jahrhunderts als weibliches Schönheitsideal galt. Dargestellt sind die Personifikationen zweier Kardinaltugenden. Die Figuren sind fast gleich in Gesichtern und Proportionen. Die attraktiven Figürchen wurden im Jahre 1905 aus der St.-Laurentius-Kirche in Langwarden (Butjadingen) entfernt und von der Gemeinde an das Kunstgewerbemuseum in Oldenburg überstellt.

Seit der Renaissance wurden menschliche Tugenden und Laster bevorzugt in antikisierender Weise als weibliche Gestalten dargestellt. Der in Prag residierende Habsburger Kaiser Rudolf II. (1552-1612) unterhielt ein ganzes Heerlager von Künstlern, die sich u. a. dieser Themen annahmen. Zu ihnen zählten Joseph Heintz d. Ä. (1564-1609) Adrian de Vries (1545-1626), Bartholomäus Spranger (1546-1611) und Hans von Aachen (1551/2-1615). Sie alle eint ihr "Manierismus", ihre spezielle Methode, Körperformen und menschliche Muskulatur übersteigert bis hin zur Verzerrung darzustellen. Der Stil des Manierismus basiert auf dem akademischen Studium des menschlichen Körpers zu Beginn des 16. Jahrhunderts. Er beruft sich auf eine nahezu wissenschaftliche Erkenntnis des bildenden Künstlers von den konstruktiven, anatomischen Zusammenhängen bei Mensch und Tier. Auf diese Weise entstand im 16. Jahrhundert die Idee von menschlichen Akten in bisweilen drastisch übermodellierten Körperformen mit einer beachtlich expressiven Wirkung. Für den norddeutschen Raum ist insbesondere an den Hamburger Bildschnitzer Ludwig Münstermann (ca. 1560- ca. 1637) zu erinnern.

In diesem Kontext sind auch unsere Darstellungen der Justitia (Gerechtigkeit) und der Caritas (Nächstenliebe) zu sehen. Die traditionelle Datierung der beiden Bildwerke "um 1600" ist sicherlich nicht falsch. Sie sind ein Abglanz - jedoch durchaus kein schwacher! - der rudolfinischen Hofkunst. Die Justitia ist als stehender Halbakt aufgefasst, weil die Wahrheit sprichwörtlich "nackt" zu sein pflegt. Sie hält in der rechten Hand ein Schwert, dessen Schneide jedoch, da ursprünglich aus Metall gearbeitet und in ein Bohrloch eingesetzt, im Laufe der Zeiten abhandengekommen ist. Die Caritas mit einem Baby auf dem Arm ist dagegen bekleidet dargestellt, wobei das fließende Gewand von ihren Körperformen mehr ent- als verhüllt. Ein zweites Kind, dem der Säugling die Ärmchen entgegenstreckt, tritt an Mutter und Kind heran. Dieses Motiv ist unverkennbar katholischen Madonnendarstellungen der Raffaelzeit entlehnt. Bei der Aneignung erfolgreicher Bildschemata spielten konfessionelle Unterschiede seinerzeit keine Rolle.

Wer die beiden Figürchen mit ihrer Betonung von Weiblichkeit auf sich einwirken lässt, kann leicht nachvollziehen, warum sie im prüden 19. Jahrhundert eine lutherische Gemeinde nicht mehr in ihrer Kirche dulden mochte. Dergleichen war schon damals "Kunst fürs Museum".

 

 

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