von Vanessa Afken

Wer schon einmal in einem Museum war, kennt es vermutlich: das Gefühl, vor einem Gemälde zu stehen und sich zu fragen: „Was soll mir dieses Bild sagen?“ Natürlich ist das Schöne an Kunst, dass es oft kein Richtig oder Falsch in der Deutung gibt. Trotzdem finde ich es interessant zu erfahren, was sich Kunstschaffende bei ihren Werken gedacht haben. Wie genau ist das Bild entstanden? Was verbinden sie persönlich damit?

Diesen Blick hinter die Kulissen hat mir Katharina Albers gewährt. Sie ist freischaffende Künstlerin mit einem Atelier in Berlin und einer Lithografie-Werkstatt in Lohne, wo sie auch wohnt. Dieses Jahr hat sie den mit 8000 Euro dotierten Förderpreis für Malerei von der Kulturstiftung der Öffentlichen Oldenburg gewonnen. Ab dem 5. September präsentiert sie im Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte einen Teil ihrer Werke. In der Vergangenheit hat sie hauptsächlich Ausstellungen in Berlin und Karlsruhe gehabt.

Katharina erzählt mir, dass ihre Werke in drei Gruppen aufgeteilt sind: „Transformation“, „Organism“ und „Wald“. In der Ausstellung wird sie vorwiegend Bilder aus „Wald“ zeigen, das sind nämlich ihre neuesten Werke. Diese unterscheiden sich von ihren vorherigen Bildern: „‚Organism‘ und ‚Transformation‘ sind die abstrakteren Arbeiten, wohingegen Wald eher figürlich ist – man erkennt den Wald auf den Bildern“, erklärt die Lohnerin.

Die verschiedenen Gruppen sind trotz unterschiedlichem Abstraktheitsgrad miteinander verbunden. Ideen aus ‚Transformation‘ sind in ‚Wald‘ einarbeitet, Elemente aus ‚Wald‘ finden sich in ‚Organism‘. „Oft dient die eine Werkgruppe der anderen als Inspirationsquelle.“ Eine aufschlussreiche Information, die automatisch dazu führt, diese Gemeinsamkeiten in Katharinas Bildern zu suchen.

Ebenso interessant wie ihre Bilder ist die Drucktechnik, die die 34-Jährige für die Herstellung benutzt: Lithografie. Bei diesem alten Flachdruckverfahren wird die Farbe auf speziellen Steinen aufgetragen. In ihrem Studium hat sie diese Technik kennen und lieben gelernt. Doch was unterscheidet diese Arbeitsweise von anderen und macht sie so besonders? „Beim Malerischen, Grafischen oder auch Skulpturalen nimmt der Künstler die dominante Rolle im künstlerischen Prozess ein“, erklärt Katharina. „Man bestimmt genau, wie etwas auszusehen hat. Beim Druck hingegen gibt es immer einen gewissen Grad an Zufall.“ Beispielsweise, wie sich die Farbe auf dem Stein verhält.

Wie die verschiedenen Materialien miteinander reagieren, überlässt Katharina bewusst dem Zufall. Zudem empfindet sie Lithografie als sehr vielfältig in der Anwendung: ob linear oder flächig, hart, fein oder aquarellartig. „Dadurch, dass die Steine immer wieder geschliffen werden und das vorherige Motiv durch das Abschleifen gelöscht wird, ist alles, was ich mache, nicht reproduzierbar und einzigartig.“

Der Prozess ist aufwendig und erfordert Konzentration und Zeit. Schon die Beschaffung der Utensilien, die die Künstlerin für ihre Arbeit braucht, ist mit Hürden verbunden. Die Farben bezieht sie aus den USA, die Steine aus Polen und weitere Materialien aus den Niederlanden. Für ihre Wald-Arbeiten „Wald X(S)“ hat sie so vier Monate gebraucht.

Doch woher hat die 34-Jährige die Inspiration für den ‚Wald‘ bekommen? Hier lässt sich wieder der Zusammenhang zwischen den einzelnen Gruppen ihrer Werke erkennen. Die Kreise und Rotationen in ‚Transformation‘ hat sie mit der Zeit immer mehr ausgeweitet, bis sie optisch dem Wurzelwerk eines Baums ähnelten. Im Zusammenspiel mit ihren Spaziergängen in Wäldern kam ihr schließlich die Idee der Wald-Gruppe. Vorlagen, wie z.B. Fotos von Bäumen, nutzt sie nicht. „Ich arbeite meistens mit einem Gefühl oder einer Idee, die ich in eine neue Serie hineintransportieren möchte.“ Die Grundidee hält sie auf Papier fest. Mithilfe des Drucks wird diese dann Stück für Stück aufgebaut und erweitert.

Der Wald ist für Katharina ein Zufluchtsort, in den sie eintauchen kann. Dort in der Natur erlebt sie Entschleunigung. Zudem faszinieren sie die Mythen und Legenden, die mit dichten Wäldern verbunden sind. Es sind viele Eindrücke und Gefühle, die ein Wald vermitteln kann. Das umfasst positive Assoziationen wie Vogelgezwitscher und Frühlingsgefühle wie auch beklemmende, ängstliche Gefühle, die man in düsteren Wäldern bekommt. All diese Gefühle und Eindrücke verarbeitet die Künstlerin in ihren Werken. Manche Bilder sind in dunklen Farben gehalten und strahlen etwas Bedrohliches aus, während andere bunt und fröhlich wirken.

 

Eine Frage stellt sich mir aber noch. Wenn man auf die Werke von Katharina schaut, stellt man schnell fest, dass nie Menschen oder Tiere abgebildet sind. Gibt es dafür einen Grund? „Ich finde sobald ein Tier oder Mensch zu sehen ist, würde es dem Werk eine weitere, inhaltliche Ebene geben, die ich nicht möchte.“ Das Bild soll für sich stehen. Aus diesem Grund gibt es auch keine aussagekräftigen Bildtitel. So soll verhindert werden, dass zusätzliche Inhalte geschaffen werden, die von dem eigentlichen Bild ablenken. „Es ist ein reiner Naturraum“, betont Katharina.

Ich verstehe. Nach diesem Gespräch sehe ich die Arbeiten zwar nicht mit anderen Augen, aber ich schaue sie mir bewusster an. Ich kann besser verstehen und nachvollziehen, welche Gefühle und Emotionen sich hinter den verschiedenen Farben verstecken. Und vielleicht sollte ich bald mal wieder einen Waldspaziergang machen…

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