Margarete Schütte-Lihotzky (1897-2000)
Einzimmerwohnung einer berufstätigen Frau
1926-1927
Fotografie
Nachlass Müller-Wulckow (Architekturfotografie)
Landesmuseum Kunst & Kultur Oldenburg
Inv. MW-F 0835
In der Behausung des Menschen prägt sich sein Wesen aus. Die Wohnung gibt, mehr noch als die wandelbare Kleidung, Aufschluss über Ausmaß und Führung des Lebens, sie wird gewissermaßen zum Grundriss für den Lebensaufbau.
Walter Müller-Wulckow, Die Deutsche Wohnung der Gegenwart, 1930
In den 1920er-Jahren erlebte der soziale Wohnungsbau einen regelrechten Boom. Das Neue Bauen mit seinen zahlreichen (Siedlungs-)Bauprojekten sollte der anhaltenden Wohnungsnot in den deutschen Städten Einhalt gebieten und gleichzeitig mit althergebrachten Architektur- und Wohntraditionen brechen. Die Gestalter:innen dieser neu entstandenen, eher schmucklosen avantgardistischen Wohnblöcke und -Häuser in Städten wie Berlin, Frankfurt am Main und Stuttgart verband ein Motto: Licht, Luft und Sonne für alle.
In den dunklen Mietskasernen aus dem 19. Jahrhundert (ironischerweise jene Wohngebäude, denen wir heute das Prädikat „Altbau-Charme“ zuschreiben) herrschten schlechte hygienische Bedingungen für die arbeitende Bevölkerung. Zudem waren sie oft völlig überbelegt, da Wohnraum knapp und teuer war. Toiletten, sofern es sie im Haus gab, waren auf „halber Treppe“ zu finden, während verbaute Hinterhöfe das Lüften erschwerten. Die Grundrisse dieser Wohnungen zeichneten sich durch ihre geringe Praktikabilität aus, denn man orientierte sich an den ästhetischen Standards einer Oberschicht, die im Wohnen ganz auf Repräsentation ausgelegt war. All das, was wir im heutigen Wohnungsbau als selbstverständliche Infrastruktur empfinden, wie Kinderzimmer, Einbauküchen oder Badezimmer mit Warmwasser, fehlte praktisch.
Die Bewegung des Neuen Bauens bestrebte, die raumökonomische Haushaltsführung der Bewohner:innen zu verbessern, womit auch der Alltag von (berufstätigen) Frauen in der Familie erleichtert werden konnte. Ein ungelöstes Problem blieb jedoch: In der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen verzeichnete man einen hohen Anteil alleinstehender berufstätiger Frauen, für die kaum passende Unterkünfte in den deutschen Großstädten zur Verfügung standen. Geringer sozialer Status und niedrige Einkommen führten dazu, dass es Frauen meist als Untermieterinnen auf dem umkämpften Wohnungsmarkt schwerer hatten als alleinstehende Männer oder Familien.
Einige Stadtverwaltungen erkannten die Situation und strebten an, die Problematik mit der Errichtung spezieller Wohnblöcke und Wohnheimen für alleinstehende Frauen zu lösen.
Die österreichische Architektin und Erfinderin der modernen Einbauküche Margarete Schütte-Lihotzky (1897 – 2000) wurde 1926 vom Stadtplaner Ernst May an das Hochbauamt der Stadt Frankfurt am Main berufen. Sie entwarf im Kontrast zu separaten Gebäuden für alleinstehende berufstätige Frauen kleine Appartements, welche in übliche Wohnblöcke integriert werden konnten. „Heime“ für Frauen und Mädchen lehnte Schütte-Lihotzky ab, denn damit sei in der Bevölkerung Zwang und Isolation konnotiert.
Die hier vorgestellte Fotografie aus den Beständen des Landesmuseums Kunst & Kultur mit dem Titel „Einzimmerwohnung einer berufstätigen Frau“ erlaubt uns einen Blick in das von der damaligen Frankfurter Stadtverwaltung gelobte Wohndesign Schütte-Lihotzkys. Viertausend dieser Appartements in der Größe von 13 bis 45,5 qm sollten für eine steigende Zahl berufstätiger alleinstehender Frauen in Frankfurt am Main geschaffen werden. Die Weltwirtschaftskrise brachte das Vorhaben zwar zum Erliegen, der Entwurf wurde dennoch auf vielen Ausstellungen, wie der Messe „Heim und Technik“ 1929 in München, gepriesen und in zahlreichen Publikationen besprochen.
Multifunktionalität, Rationalisierung und die damals als neu empfundene, nüchterne Formensprache bestimmen Schütte-Lihotzkys Konzept. „Plüschige“ Möbel, schwere Vorhänge und überdekorierte Wände sucht man in diesen Wohnungen vergebens. Die Bildunterschrift zum Foto in der 1931 gedruckten Publikation „Die Deutsche Wohnung der Gegenwart“ beschreibt das Wohnkonzept mit den Worten „Klare Raumgliederung: abgetrennter Vorplatz, Sofa- bzw. Bettnische, breites Fenster mit Balkontüre“. Autor des dazugehörigen Aufsatzes war Walter Müller-Wulckow, Gründungsdirektor des Landesmuseums. Neben seiner Funktion als Museumsdirektor in den Jahren 1921 bis 1951 galt Müller-Wulckow als einer der Chronisten des „Aufbruchs in die Moderne“. In der damals sehr populären Sachbuchreihe „Die Blauen Bücher“, einer Kooperation mit dem Verlag Langewiesche, beschrieb er in insgesamt vier Bänden die „Deutsche Baukunst der Gegenwart“. In seinen Schriften zur Baukunst verweist Müller-Wulckow auf die allgemeine Übertragbarkeit von Charaktereigenschaften eines Menschen auf seine Wohnung. Die Zeichen der Zeit standen jedoch vor allem auf eine nie dagewesene Typisierung in der Architektur, also auf Wiederholbarkeit und Normierung, die dem Gedanken der Individualität weitgehend widersprechen.
Margarete Schütte-Lihotzkys standardisierte „Einzimmerwohnung“ wurde vor genau einhundert Jahren einer Öffentlichkeit vorgestellt. Wenn man das Konzept von 1926 in der Gegenwart sucht, muss man sich gar nicht lange umschauen: Klonartige AirBnB-Unterkünfte für preisbewusste Urlauber:innen dominieren unsere Großstädte. Auch bei Studierenden und einer ständig ansteigenden Anzahl von Alleinstehenden sind kleine funktional ausgestattete und gegebenenfalls möblierte Appartements nach wie vor beliebt. Das Spannungsfeld zwischen dem Bedürfnis nach individuellem Wohnraum, also nach Emanzipation und Selbstbestimmung, versus Planbarkeit, Beständigkeit und Wirtschaftlichkeit bestimmt nach wie vor das heutige Bauen.














































