Henny und Siegfried Insel
Süssweingläser und Tassen
18./19. Jahrhundert
Glas, Milchglas, Porzellan
Erworben 1936 als Schenkung bzw. Ankauf von Familie Insel, Oldenburg
Landesmuseum Kunst & Kultur Oldenburg
Inv. 6.539, 6.540, ex-6.529, ex-6.618
Marcus Kenzler
Im Oktober 2025 restituierte das Landesmuseum Kunst & Kultur Oldenburg vier Objekte aus seiner kulturgeschichtlichen Sammlung an die Nachfahren der jüdischen Familie Insel aus Oldenburg. Es handelte sich um zwei Süßweingläser und zwei Tassen, die 1936 als Schenkung bzw. Ankauf von Henny und Siegfried Insel in die Sammlung des Landesmuseums gelangten und dort viele Jahre später zum Gegenstand der Provenienzforschung wurden. Nachdem nachgewiesen werden konnte, dass die vier Objekte nicht freiwillig, sondern unter Zwang bzw. Ausnutzung einer Notsituation von den Insels abgegeben worden waren, erfolgten Vorbereitungen für die Restitution der Objekte. Ausführliche genealogische Nachforschungen ergaben, dass die Kinder von Henny und Siegfried Insel keine erbberechtigten Nachfolgerinnen und Nachfolger hinterlassen hatten. Es konnten jedoch Nachfahren der fünf Brüder und drei Schwestern Siegfried Insels ermittelt werden, die eine Erbengemeinschaft bildeten und die vier Objekte untereinander aufteilten: Während ein in den USA lebender Erbe auf eine Rückgabe der zwei Süßweingläser verzichtete und sie dem Landesmuseum als Schenkung überließ, nahm ein in Israel lebender Erbe das Restitutionsangebot für die zwei Tassen an. Am 21. September 2025 konnte er die beiden Kleinode aus dem Eigentum seiner Vorfahren in Empfang nehmen.
Die Entscheidung zur Rückgabe der vier Objekte resultierte aus detaillierten Provenienzrecherchen, durch die ein NS-verfolgungsbedingter Entzug bzw. eine erzwungene Abgabe zweifelsfrei nachgewiesen werden konnte: Das jüdische Ehepaar Siegfried (1859–1943) und Henny (1873–1943) Insel zog 1903 von Berne nach Oldenburg, liebte hier in einer kleinen Wohnung in der Lange Straße 57 und eröffnete im selben Haus ein Geschäft für „Herren- und Knabenbekleidung“ (heute: Buchhandlung „Bültmann & Gerriets“). Noch im selben Jahr kam Tochter Grete (1903–1942) zur Welt. Nach der Geburt des Sohnes Hermann (1910–1942) bezogen die Insels eine großzügige Altbauwohnung in der Roggemannstr. 25 im mondänen Oldenburger Dobbenviertel. Hier baute der gelernte Kaufmann Siegfried eine Versicherungsagentur auf und war bis 1934 als Hauptagent der „Rhein & Mosel Versicherungen“ tätig. Unter dem Druck der nationalsozialistischen Rassenpolitik war eine weitere berufliche Betätigung in den Folgejahren nicht mehr möglich – bis 1935 war er noch im Mitgliederverzeichnis der Industrie- und Handelskammer Oldenburg eingetragen.
Angesichts der zunehmenden Diskriminierung, Verfolgung und wirtschaftlichen Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung, die auch die Insels erdulden mussten, entschied sich das Ehepaar 1936 notgedrungen dafür, Oldenburg zu verlassen und zu ihrer Tochter nach Hannover zu ziehen. Mit einem Umzug aus der Provinz in die Großstadt verbanden viele jüdische Menschen die Hoffnung, infolge größerer Anonymität von der nationalsozialistischen Diffamierung und Verfolgung verschont zu bleiben – leider stellte sich dies oftmals als ein Trugschluss heraus. In Hannover konnte eine einfache, deutlich kleinere und günstigere Neubauwohnung in der Hertzstraße 5 im Stadtteil List bezogen werden, die sich jedoch im unmittelbaren Umfeld einer ehemaligen Chemiefabrik befand. Noch heute ist dort der Boden durch Chemikalien teilweise verseucht. Im Zuge der Umzugsvorbereitungen und der notwendigen Verkleinerung des Hausstands schenkte Henny Insel dem Oldenburger Landesmuseum am 1. August 1936 zwei Süßweingläser und eine viereckige Obertasse mit Blumendekor.
Da sich das Ehepaar von weiteren Besitztümern trennen musste, suchte Museumsdirektor Walter Müller-Wulckow (1886–1964) die Insels wenig später in ihrer Wohnung auf und erstellte eine handschriftliche Liste mit zusätzlichen Objekten, die er erwerben wollte – inklusive angesetzter Preise. So notierte er unter anderem eine Kommode für 40 Reichsmark (RM), einen Spiegel für 8 RM, eine Porzellantasse mit Untertasse der Marke Gera für 10 RM, eine Laterne für 35 RM und ein „Bauernbild“ für 30 RM. Für die Sammlungen des Landesmuseums erwarb er die Porzellantasse – bezahlte aber lediglich die Hälfte des zuvor veranschlagten Preises, wie die auf der Liste mit Bleistift vorgenommene Streichung und der Reduzierungsvermerk dokumentieren. Dazu kaufte er laut Liste wohl noch das „Bauernbild“, dessen Preis er auf 20 RM reduzierte. Allerdings erhielt das Gemälde keine Inventarnummer und wurde nicht in die Sammlungen des Landesmuseums übernommen, so dass davon ausgegangen werden kann, dass er es für sich privat oder einen anderen Abnehmer erwarb. Mit der ungenierten Dezimierung der Preise nutzte Müller-Wulckow die Notlage der Insels skrupellos aus, um sich und dem Landesmuseum einen Vorteil zu verschaffen. Das ältere Ehepaar hatte offensichtlich keine Wahl, da die Zeit drängte und Geldmittel für den Umzug benötigt wurden. Ende August verließen die Insels Oldenburg in Richtung Hannover, wo sie allerdings nur für kurze Zeit bleiben konnten. Anfang Februar 1939 musste Siegfried Insel aus finanzieller Not und in Vorbereitung der Emigration in die Niederlande sein Elternhaus in Berne weit unter Preis verkaufen: Der Achtzigjährige war mittlerweile hoch verschuldet, schwer erkrank und nahezu erblindet. Außerdem wurde den Insels mit den Devisenbestimmungen des NS-Staates wie der „Judenvermögensabgabe“ oder der „Reichfluchtsteuer“ das Wenige genommen, was noch verfügbar war. Am 28. Februar 1939 emigrierten Henny und Siegfried Insel mit Tochter Grete von Hannover nach Amsterdam, wo bereits Sohn Hermann seit September 1933 lebte. Im Juli 1942 wurde die Familie verhaftet und über das niederländische Durchgangslager Westerbork in die Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau und Sobibór deportiert, wo sie ermordet wurde.
Das Schicksal der Familie Insel steht stellvertretend für die Verfolgung und Beraubung der jüdischen Bevölkerung im Nationalsozialismus. Dabei können die vom Landesmuseum zurückgegebenen Gläser und Tassen als Ausdruck eines allmählichen Paradigmenwechsels in der Restitutionspraxis gesehen werden: Denn seit Aufnahme der Provenienzforschung im Jahr 2000 steht die Überprüfung von namhaften und somit wertvollen Gemäldesammlungen in deutschen Museen im Mittelpunkt, da die Spitzenstücke in der Regel den höchsten Marktwert besitzen und Aushängeschilder der betreffenden Häuser sind. Dagegen haben die oftmals weniger wertvollen Alltags- und Gebrauchsgegenstände bis heute eine deutlich geringere Aussicht auf Erforschung. Dabei geht es nicht um den monetären Gegenwert oder die kunsthistorische Bedeutung eines Exponates, sondern um das mit einem Objekt verbundene Schicksal eines Menschen.







































