Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, Bildnis der Schriftstellerin Engel Christine Westphalen, 1808
Öl auf Leinwand
Erworben 2025 als Ankauf
Landesmuseum Kunst & Kultur Oldenburg
Inv. 35.407
Stefanie Rehm
Anlässlich des 275. Geburtstages von Johann Heinrich Wilhelm Tischbein (1751–1829) widmet sich das Objekt des Monats im Februar 2026 einem besonderen Gemälde, das seit kurzem die Tischbein-Kabinette im Prinzenpalais ziert und den Rundgang durch die Kunst des 19. Jahrhunderts einleitet: Das Bildnis der Schriftstellerin Engel Christine Westphalen. Die Neuerwerbung wurde durch die großzügige Spende einer Oldenburger Kunstfreundin möglich. Es bildet zudem den Auftakt zum Jubiläumsjahr des sogenannten Goethe-Tischbein am Landesmuseum – mit einer großen Sonderausstellung Ende des Jahres.
Engel Christine Westphalen (1758–1840), geborene von Axen, zählt zu den bedeutendsten Poetinnen der Aufklärung und frühen Empfindsamkeit. In ihrem Haus in Hamburg führte sie einen Salon, der zum kulturellen Mittelpunkt der Stadt wurde. Hier verkehrten wichtige Persönlichkeiten, Schriftsteller und Künstler wie Johann Heinrich Wilhelm Tischbein. Neben ihrer Rolle als Gastgeberin – mitunter an der Seite ihres Mannes, des Kaufmanns und späteren Senators Johann Ernst Friedrich Westphalen (1757–1833) – pflegte sie ein ausgedehntes Netzwerk über Briefe und engagierte sich in karitativen Projekten.
Tischbein, der zwischen 1801 und 1808 in Hamburg lebte, bevor er Hofmaler und Galerieinspektor des Herzogs von Oldenburg wurde, porträtierte Engel Christine Westphalenmehrfach. Das bekannteste Bildnis befindet sich in der Hamburger Kunsthalle: Es zeigt sie an einem Sekretär sitzend, ein Buch in den Händen, den Kopf im Profil – eine ebenso intime wie repräsentative Pose für die Schriftstellerin.
Besonders bemerkenswert ist jedoch ein weiteres, lange unbekanntes Bildnis. Seit 2025 ist es Teil der Tischbein-Sammlung des Landesmuseums. Es ist signiert und datiert mit „W. Tischbein 1808“ und dürfte anlässlich von Westphalens 50. Geburtstag sowie Tischbeins Abschied aus Hamburg entstanden sein. Im Gegensatz zur Hamburger Version handelt es sich um ein idealtypisches klassizistisches Bildnis. Das Gemälde zeigt die Dichterin als Halbfigur, dem Betrachter direkt zugewandt. Sie ist à la greque gekleidet mit einem cremeweißen Empire-Kleid und einem kunstvoll um die Schultern drapierten Tuch mit bestickter Borte. Das Kleid, auch Chemise genannt, wurde ohne Korsett getragen, was damals einer (modischen) Revolution der Weiblichkeit gleichkam, jedoch nur von kurzer Dauer war. Die kleinen akkuraten Stirnlöckchen entsprachen ebenfalls der Mode nach 1800. Der schlichte, antikisierende Stil kontrastiert mit dem ausladenden, spielerischen Rokoko, mit welchem Tischbein seine Laufbahn als Porträtmaler Jahrzehnte zuvor – in der Tradition der Künstlerfamilie Tischbein – begonnen hatte.
Die zunächst unter dem Pseudonym Angelika aktive Autorin eroberte sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts einen Platz in der vorwiegend männlich dominierten Literaturszene. 1804 erschien anonym ihre Tragödie Charlotte Corday, zwei Jahre später folgte Petrarca. In der Corday-Darstellung interpretierte sie die Attentäterin der Französischen Revolution als moralisch handelnde Heldin – eine Perspektive, die aus weiblicher Sicht ungewöhnlich und mutig war. Ihre eigenen Erfahrungen, etwa die Aufnahme von Flüchtlingen während der Revolution, darunter auch des späteren französischen Königs Louis Philippe (1773–1850), flossen in ihre Dichtung ein. Zwischen 1809 und 1835 veröffentlichte Westphalen schließlich mehrere Gedichtbände in Hamburg unter ihrem Namen.
Die Schriftstellerin zählte zu Tischbeins engen Vertrauten in Hamburg. Mehrfach schrieb sie Verse zu seinen Werken, etwa zum Gemälde Ajax und Kassandra (1806), das der Herzog von Oldenburg in Auftrag gegeben hatte. Auch in den Sibyllinischen Büchern, einem ungewöhnlichen und vielschichtigen Bild-Text-Werk, finden sich zahlreiche Notate zu Tischbeins Illustrationen. Gedichte wie Die Erscheinung oder Lob der Phantasie sind Teil des umfangreichen Tischbein-Nachlasses in Oldenburg. Sieben erhaltene Briefe Westphalens dokumentieren zudem, dass der Austausch auch nach Tischbeins Weggang aus Hamburg fortbestand (Abb. 2).
Engel Christine Westphalen verkörperte die schillernde Verbindung von Literatur, Kunst und Gesellschaft im frühen 19. Jahrhundert. Tischbein verstand es, ihre Persönlichkeit in dem Freundschaftsbild künstlerisch zu verdichten – selbstbewusst, kultiviert und zugleich eingebettet in den ästhetischen Diskurs seiner Zeit. Damit besitzt es eine herausragende Bedeutung innerhalb von Tischbeins Œuvre wie auch für die Erinnerung an eine heute weitgehend vergessene Schriftstellerin und außergewöhnliche Frau.
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