Zum Hauptinhalt springen

Otto Rössler und Bernhard Dost (Konstrukteure)
Maschinenfabrik Kappela A.G., Chemnitz
Schreibmaschine „Kappel 2“
ab 1921

Gusseisen, Stahl, Gummi
Erworben 2020 als Schenkung
Landesmuseum Kunst & Kultur Oldenburg
Inv. 32.249

Minh Kha Nguyen

Vom Traum des mechanischen Schreibens zur Büro-Revolution

Die Idee, Gedanken nicht mehr von Hand, sondern mithilfe einer Maschine auf Papier zu bringen, beschäftigte Erfinder seit dem 18. Jahrhundert. Schon 1714 erhielt der Engländer Henry Mill (ca. 1683–1771) ein Patent auf eine Vorrichtung, die „Buchstaben so sauber und exakt“ drucken sollte, „dass sie nicht vom Druck unterscheidbar“ seien. Seine Maschine ist zwar verloren, doch die Vision war geboren. In den folgenden 150 Jahren näherten sich Giuseppe Ravizza (1811–1885) mit seinem Farbbandsystem und Peter Mitterhofer (1822–1893) mit mehreren funktionsfähigen Modellen dem Ziel an. Den entscheidenden Schritt machte schließlich Christopher Sholes (1819–1890): Seine von Remington produzierten Maschinen wurden ab den 1870er Jahren in Serie gefertigt und verbreiteten sich rasch weltweit. Schreiben wurde damit schneller und zuverlässiger – ein technischer Wandel, der Büros und Verwaltungen nachhaltig veränderte.

Gleichzeitig löste die neue Technik eine Debatte darüber aus, wie maschinelles Schreiben Literatur und Kreativität beeinflusst. Während manche Autoren das Tippen als befreiend empfanden, sahen andere im gleichförmigen Schriftbild eine Entfremdung von der eigenen Handschrift. Der medientheoretische Blick auf die Schreibmaschine wurde besonders von Friedrich Kittler (1943–2011) geprägt, der an Überlegungen Martin Heideggers (1889–1976) anknüpfte. Heidegger betonte den Verlust der natürlichen Verbindung zwischen Hand, Schrift und Persönlichkeit; Kittler sah darin eine zunehmende Anonymisierung des Textes.

Mit dem internationalen Erfolg der frühen Serienmaschinen wuchs auch in Deutschland der Wunsch, eine eigene, konkurrenzfähige Produktion aufzubauen. Eine zentrale Rolle spielte dabei die Erfindung des Deutschamerikaners Franz Xaver Wagner (1837–1907), dessen Typenhebelgetriebe mit Vorderaufschlag erstmals während des Tippens sichtbar machte, was auf dem Papier erschien – bei zugleich leichtem Anschlag. Diese Technik setzte sich rasch durch, besonders mit der Underwood in den USA. 1898 entstand in Frankfurt die „Adler 7“, die erste erfolgreiche deutsche Serienmaschine und ein Meilenstein der heimischen Produktion. Bald folgten weitere Werke – vielfach Betriebe, die zuvor Näh-, Textil- oder Fahrräder gefertigt hatten. Sie verfügten über das nötige Know-how der Feinmechanik und über einen modernen Maschinenpark. Besonders Sachsen entwickelte sich in dieser Phase zu einem Zentrum der Schreibmaschinenindustrie, denn die Region war bereits zuvor ein bedeutender Standort der Präzisionsmechanik.

Die Maschinenfabrik Kappel in Chemnitz blickte zu diesem Zeitpunkt bereits auf eine 40-jährige Erfolgsgeschichte zurück. Gegründet 1860 von Albert Voigt (1829–1895), hatte sich das Unternehmen zunächst mit hochwertigen Stickmaschinen international etabliert. 1912 entschloss man sich zum Einstieg in den Zukunftsmarkt Schreibmaschine und erwarb Patente der Konstrukteure Bernhard Dost und Otto Rößler. Dost, der als erfahrener Feinmechaniker zuvor bei mehreren großen Schreibmaschinenfirmen gearbeitet hatte, übernahm die Leitung der neuen Abteilung und entwickelte in kurzer Zeit eine solide konstruierte Maschine. Bereits 1914 wurde das erste Modell – schlicht „Kappel“ genannt – vorgestellt. Die Fachpresse lobte die robuste Bauweise, den abnehmbaren Wagen und die automatische Farbbandumschaltung. Trotz des Ersten Weltkriegs konnte die Produktion nach 1918 rasch wieder aufgenommen werden.

Im Jahr 1921 brachte Kappel das Modell „Kappel 2“ – unser Objekt des Monats – auf den Markt: eine Weiterentwicklung des ersten Modells und zugleich die erfolgreichste Maschine des Unternehmens. Auf den ersten Blick wirkt sie wie eine typische Büromaschine ihrer Zeit, doch ihre Konstruktion war bemerkenswert durchdacht. Sie verfügte über eine vierreihige Standardtastatur, 44 Tasten und 88 Zeichen, freischwingende Typenhebel sowie einen kugelgelagerten, besonders leichtgängigen Wagen. Wagen und Schreibwalze ließen sich in wenigen Sekunden abnehmen; auch der selbst einfädelnde Zugriemen galt als Innovation. Trotz ihres Preises von 420 Mark fand die „Kappel 2“ breite Verwendung. Zeitgenössische Berichte sprechen von mehr als 50.000 verkauften Exemplaren bis 1927. Damit zählt sie zu den erfolgreichsten deutschen Schreibmaschinen der Zwischenkriegszeit.

In den 1920er und 1930er Jahren geriet die Maschinenfabrik Kappel durch Inflation und Weltwirtschaftskrise zunehmend unter Druck. Zwar brachte das Unternehmen in den 1930er Jahren noch weitere Modelle heraus, doch an den Erfolg der frühen Jahre konnte es nicht mehr anknüpfen. Nach 1945 wurde der Betrieb in der Sowjetischen Besatzungszone verstaatlicht und den sächsischen volkseigenen Betrieben zugeordnet. Eine Wiederaufnahme der Schreibmaschinenproduktion war zunächst geplant, scheiterte jedoch bald an akutem Materialmangel; die „Kappel“-Schreibmaschine erhielt keine Priorität – die Produktion wurde daher nicht wieder aufgenommen.

Die im Landesmuseum gezeigte Schreibmaschine „Kappel 2“ ist ein authentisches Zeugnis der sächsischen Industriegeschichte und der tiefgreifenden Veränderungen im Arbeitsalltag des frühen 20. Jahrhunderts. Sie steht für technische Innovationskraft, für das zunehmende Tempo der Bürokommunikation – und für einen Wandel, der bis heute nachwirkt. Denn obwohl die Schreibmaschine längst von digitalen Geräten abgelöst wurde, bleibt sie ein wichtiges Symbol für eine Ära des Aufbruchs, der Präzision und der neuen beruflichen Möglichkeiten. Ihr charakteristisches Klackern und die sichtbaren Spuren im Papier erzählen von einer Zeit, in der jeder Anschlag – im wahrsten Sinne des Wortes – Gewicht hatte.

Literatur:
Dingwerth Leonhard: Die Geschichte der Deutschen Schreibmaschinen-Fabriken. Band 2: Mittlere und kleine Hersteller. Delbrück 2008.
Kittler, Friedrich: Grammophon, Film, Typewriter. Berlin 1986.
Lyons, Martyn: The Typewriter Century: A Cultural History of Writing Practices. Toronto 2021.
Neuner, Meinhard: Allgemeine technische Entwicklung der Schreibmaschine unter besonderer Berücksichtigung der Schreibmaschinensammlung des Oberösterreichischen Landesmuseums. In: Technik. Gesammelte Aspekte des Fortschritts. Linz 2006, S. 353-361.
Wieland, Magnus: Schreibmaschinen: Eine Geschichte des Tippens. Hannover 2025.

AlleObjekte des Monats

Sammlung Online

App ins Schloss

Die Palma-Story