Franz Radziwill (1895-1983)
Vorstadtäuser in Düsseldorf
1933
Öl auf Holz
Erworben 1952 als Überweisung aus der ehemaligen
„Stiftung Stedingsehre“, Bookholzberg
Landesmuseum Kunst & Kultur Oldenburg
Inv. LMO 14.999
Nach einem längeren Aufenthalt in der pulsierenden Großstadt Berlin erwarb der Maler Franz Radziwill im Jahr 1923 ein altes Fischerhaus im malerischen Dangast am Jadebusen und suchte auch in künstlerischer Hinsicht nach neuen Wegen: Er wandte sich vom Expressionismus seines Frühwerks ab und entwickelte einen magischen Realismus, der insbesondere seiner Leidenschaft für Architektur einen unverwechselbaren Ausdruck verlieh. Als die Nationalsozialisten 1933 die Macht übernahmen, hoffte der aus einfachen Verhältnissen stammende Radziwill zunächst auf Möglichkeiten eines persönlichen Aufstiegs. Als Nationalist und Antimodernist hatte er der Weimarer Republik kritisch gegenübergestanden und sich schon früh begeistert für die Ziele und Ansichten des Nationalsozialismus eingesetzt. Demzufolge wurde er bereits im April 1933 von der Gauleitung Weser-Ems dazu aufgefordert, an der „Reorganisation der Kulturpolitik“ mitzuwirken. Nachdem er am 1. Mai in die NSDAP eingetreten war, wurde er im Juli 1933 zum außerordentlichen Professor für Malerei und Leiter einer Meisterklasse an die Kunstakademie Düsseldorf berufen – und ersetzte seinen zuvor entlassenen Vorgänger Paul Klee (1879–1940).
An seiner neuen Wirkungsstätte setzte Radziwill die 1927/28 begonnene Reihe neusachlich geprägter Stadtansichten mit den „Vorstadthäusern in Düsseldorf“ fort: In einer fantastischen, menschenleeren Stadtteilarchitektur ragen schlichte Häuser hinter einer Mauer hervor, die durch einen hohen Bretterzaun fortgesetzt wird – es entsteht der Eindruck einer unüberwindbaren Barriere, die das Leben in dem Vorstadtviertel gänzlich von der Außenwelt abzuschirmen scheint. Die verbarrikadierten, nah beieinanderstehenden Wohnhäuser wirken trostlos, unnahbar und abweisend, sie sind Zeugnis prekärer Lebenssituationen und bilden einen augenscheinlichen Gegensatz zur pittoresken Altstadt, die sich als Silhouette im Hintergrund abzeichnet. Dennoch erstrahlen die kulissenhaften Fassaden der Vorstadthäuser in einem magischen, nahezu surrealen Licht und vermitteln – auch durch die starken farbigen Kontraste und die Präzision der Darstellung – einen besonderen ästhetischen Reiz. Eine vergleichbare Wirkung entfaltet auch das Gemälde „Die Straße“ von 1928, mit dem Radziwill 1934 das nationalsozialistische Deutschland auf der Biennale in Venedig vertrat. In der Folgezeit organisierte er mit dem aus Oldenburg stammenden NS-Bildhauer Günther Martin (1896–1944) u.a. in Düsseldorf „Gemeinschaftsausstellungen deutscher Künstler“.
Nachdem ehrgeizige Mitglieder des nationalsozialistischen Studentenbundes in Hamburg auf das expressionistische Frühwerk Radziwills aufmerksam geworden waren und den Maler denunziert hatten, wurde dieser als „Kulturbolschewist“ angeprangert. Es blieb jedoch nicht bei Diffamierungen: Am 22. Mai 1935 wandte sich Klaus Rasch, Leiter der Gaukulturstelle Südhannover-Braunschweig im Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund, an Walter Müller-Wulckow (1886–1964), den Direktor des Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg, der Radziwill gut und seit längerer Zeit kannte. Anlass war die Aufforderung, Radziwill insbesondere im Hinblick auf dessen politische Einstellung „vor der Machtergreifung“ zu beurteilen. Müller-Wulckow, der sich inzwischen mit Radziwill überworfen hatte, nutze die Gelegenheit, dem einstigen Weggefährten zu schaden und sich selbst ins rechte Licht zu rücken. In seinem auffallend am NS-Vokabular orientierten Antwortschreiben an Rasch führte er aus, dass Radziwill nach dem Ersten Weltkrieg die „in der Inflationszeit üblichen Deformationen“ mitgemacht habe, manche seiner Arbeiten „an den russischen Juden Marc Chagall“ erinnerten und er damals „von demokratisch-jüdischen Kreisen“ gefördert worden sei. Und weiter: „Alsdann macht er die Schwenkung zur sogenannten ‚Neuen Sachlichkeit‘ mit, beeinflusst durch holländische Künstler wie dem Juden Sal Meyer, die er durch den jüdischen Kunsthändler Vecht in Amsterdam kennen lernte, mit dem er sich angefreundet hatte.“ Müller-Wulckow attestierte Radziwill, der „in der Systemzeit als erfolgreicher Künstler“ galt, Formenwillkür und ein „Versagen im Ganzen“.
Radziwill wurde im September 1935 aufgrund „pädagogischer Unfähigkeit“ aus seinem Professorenamt fristlos entlassen – es ist naheliegend, dass Müller-Wulckows diffamierende Aussagen maßgeblich dazu beigetragen hatten. Er kehrte nach Dangast zurück, wo er zum Kreiskulturhauptstellenleiter ernannt wurde. Diese erneute Anerkennung verdankte er wohl seiner Freundschaft mit dem Leiter des Gaus Weser-Ems Carl Röver (1889–1942), der 1936 die „Vorstadthäuser in Düsseldorf“ für die Kunstsammlung der „Stiftung Stedingsehre“ erwarb, die als Träger der „Freilichtbühne Stedingsehre“ am Bookholzberg im Landkreis Oldenburg fungierte. Diese sogenannte Thingstätte der NSDAP, welche die ideologische Idee der Volksgemeinschaft und der Heimatverbundenheit transportieren sollte, war 1934 auf Veranlassung Rövers nach dem Vorbild eines griechischen Amphitheaters errichtet worden. Inmitten eines originalgetreuen Fachwerkdorfes als Kulisse wurde das plattdeutsche Theaterstück „De Stedinge“ des Oldenburger Heimatdichters August Hinrichs (1879–1956) aufgeführt, das die historische „Schlacht von Altenesch“ vom 27. Mai 1234 thematisierte.
Die „Stiftung Stedingsehre“ finanzierte im Auftrag des Gauleiters den Aufbau einer Kunstsammlung, welche die Eigenständigkeit der niederdeutschen Kultur im Gau Weser-Ems widerspiegeln sollte. Da die Stiftung keine eigenen Ausstellflächen unterhielt, wurden die angekauften Kunstwerke den regionalen Kunst- und Kultureinrichtungen und NS-Dienststellen als Dauerleihgaben zur Verfügung gestellt. Auf diesem Weg gelangten zahlreiche Werke der Stiftung in die Sammlungen des Landesmuseums Oldenburg.
1941/42 wurden Radziwills „Vorstadthäuser in Düsseldorf“ auf der dritten „Großen Gauausstellung Weser-Ems“ im Oldenburger Augusteum gezeigt. Dass Radziwill im Gau Weser-Ems noch immer an Propagandaausstellungen teilnehmen konnte, ist angesichts seiner Suspendierung als Professor, seiner Diffamierung in der Münchner Ausstellung „Entartete Kunst“ 1937 und seines Ausschlusses aus der Reichskammer der Bildenden Künste durchaus bemerkenswert.
Nach der Kapitulation des Deutschen Reiches wurde die „Stiftung Stedingsehre“ aufgelöst und ihr Vermögen zunächst von der Britischen Militärregierung beschlagnahmt und im September 1952 an das neu gegründete Bundesland Niedersachsen überwiesen, das die Kunstsammlung dem Landesmuseum Oldenburg übereignete.












































