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Sanxian, um 1900

Holz, Schlangenhaut
Erworben 1937 als Schenkung
Landesmuseum Kunst & Kultur Oldenburg
Inv. 9.830

Minh Kha Nguyen

Vom Klang der Saiten zur Stimme der Erzählung

Die Idee, Geschichten, Gefühle und Erinnerungen nicht nur mit Worten, sondern mit Musik weiterzugeben, begleitet die Menschheit seit Jahrtausenden. Schon früh entwickelten sich Zupfinstrumente, deren Klang Gesang, Rezitation und Tanz unterstützte. In Ost- und Südostasien entstand dabei eine besondere Instrumentenform: die dreisaitige Langhalslaute, die in China als Sanxian (wörtlich: „Dreisaiter“) bekannt ist. Ihr offener, leicht näselnder Ton machte sie zu einem idealen Begleitinstrument erzählender Gesangsformen und volkstümlicher Musik.

Die Sanxian gilt als eines der ältesten Zupfinstrumente Chinas. Ihr Ursprung wird häufig mit der mongolischen Yuan-Dynastie (13.–14. Jahrhundert) verbunden, doch der Name ist bereits für die Tang-Zeit (618–907 n. Chr.) belegt; ähnliche Instrumente erscheinen im 12. Jahrhundert in Bildquellen. Vermutlich gelangte die Laute über kulturelle Kontakte aus Zentralasien nach China. Ihre Bauweise zeigt deutliche Parallelen zu Langhalslauten wie Setār oder Tanbur. Ursprünglich bezeichnete „pipa“ verschiedene Lautentypen. Erst später setzte sich dieser Name für die birnenförmige Laute durch, während Instrumente mit rundem Resonanzkörper eigene Bezeichnungen erhielten, darunter schließlich die Sanxian. Nach heutiger Forschung geht die Sanxian auf eine ältere Form, die sogenannte „Qin-Han-Pipa“, zurück; andere Deutungen sehen in einer in mittelalterlichen Quellen erwähnten Schlangenhaut-Laute (Shepi Pipa) eine mögliche Vorläuferin.

Charakteristisch für die Sanxian ist ihr langer, bundloser Hals, der in einen kleinen, meist rechteckigen oder ovalen Resonanzkörper übergeht. Neben dieser Grundform entwickelten sich je nach Region unterschiedliche Größenvarianten: Große Instrumente erreichen Längen von bis zu 116 cm, kleinere etwa 94 cm. Der Resonanzkörper ist auf beiden Seiten mit Schlangenhaut bespannt – ein wesentliches Merkmal ihres markanten, obertonreichen Klanges. Drei seitlich eingesetzte Wirbel stimmen die ursprünglich aus Seide gefertigten, heute meist aus Nylon oder Metall bestehenden Saiten. Die übliche Stimmung in Quarte und Quinte erlaubt ein flexibles melodisches Spiel. Gespielt wird mit den Fingernägeln oder einem Plektrum; beim Musizieren ruht der Resonanzkörper auf dem rechten Oberschenkel, während der Hals schräg nach links oben weist. Das im Landesmuseum Kunst & Kultur Oldenburg bewahrte Exemplar misst 69 cm und gehört damit zu den kompakteren Ausführungen innerhalb dieser Instrumentenfamilie.

Schon seit der Ming-Zeit (1368–1644) bildet die Sanxian gemeinsam mit der Pipa das klangliche Fundament zahlreicher chinesischer Ensembles. Besonders in erzählenden Gesangsformen wie dem Tanci treten beide Instrumente als traditionelle Partner auf: Die Sanxian übernimmt dabei häufig die führende, bewegliche Oberstimme, während die Pipa das harmonische und rhythmische Fundament gestaltet. Auch in Operntraditionen wie der Kunqu oder in regionalen „Seiden-und-Bambus“-Ensembles Südchinas ist ihre enge Zusammenarbeit bis heute lebendig. Eine Pipa (Inv. 9.829) befindet sich ebenfalls im Landesmuseum; sie war bereits im Mai 1999 „Kunstwerk des Monats“ und verweist so auf die klangliche und kulturhistorische Verbindung beider Instrumente.

Auch über China hinaus fand die dreisaitige Langhalslaute Verbreitung. In Vietnam ist sie als Đàn Tam oder Tam Huyền bekannt. In Grundform und Spielweise entspricht sie der Sanxian, weist jedoch meist eine hölzerne Rückseite mit Schallöffnung auf; ein verschiebbares Knochenstück am Hals ermöglicht dort eine feine Regulierung der Tonhöhe. Ihr warmer, resonanzreicher Klang prädestiniert sie ebenfalls für erzählende und rhythmisch geprägte Musik. Die enge Verwandtschaft verweist auf jahrhundertelange kulturelle Austauschprozesse zwischen China und Vietnam.

Die Provenienz des im Landesmuseum gezeigten Instruments ist bislang nicht eindeutig geklärt. Bekannt ist lediglich, dass die Sanxian zu einer Gruppe von vier chinesischen Musikinstrumenten gehörte, die dem Museum im Jahr 1937 von dem Verwaltungsinspekteur Johannes Schmidt – vermutlich aus dem Umfeld des Versorgungsamtes Oldenburg – kurz vor dessen Umzug nach Kassel geschenkt wurden. Wie und auf welchem Weg das Instrument zuvor nach Deutschland gelangte, bleibt bislang offen.

Das Instrument ist ein eindrucksvolles Zeugnis einer jahrhundertealten Musiktradition. Es steht für kulturellen Austausch, für die Verbindung von Musik und Erzählkunst – und für eine Klangwelt, in der wenige Saiten genügten, um ganze Geschichten hörbar zu machen. Auch wenn Sanxian und Đàn Tam heute seltener zu hören sind, haben sie nichts von ihrer Ausdruckskraft verloren. Ihr warmer, leicht schnarrender Klang erinnert an eine Zeit, in der Musik eine lebendige Stimme des Alltags und des gemeinsamen Erzählens war.

 

Literatur:
Nguyễn Lộc: Từ Điển Nghệ Thuật Hát Bội Việt Nam (Wörterbuch der vietnamesischen Hát-Bội-Theaterkunst). Hanoi 1998.
Laurence Picken: T’ang Music and Musical Instruments. In: T’oung Pao, Band 55. Leiden 1969, S. 74–122.
Dorothee Schaab-Hanke und Filipiak Yu (Hg.): Ostasiatische Musik und Musikinstrumente in Sammlungen von Museen. Gossenberg 2019.

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