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Ludwig Münstermann (Werkstatt?), Weibliche Personifikation der Caritas, 1631

Lindenholz
Erworben 1925
Landesmuseum Kunst & Kultur Oldenburg
Inv. 14.497

Hannes Eckstein

„Selig sind die, die da geistlich arm sind“ –  der Ratschlag Jesu an seine Jünger, angesichts der übergeordneten Omniszienz die eigenen geistigen Fähigkeiten nicht zu überschätzen, besitzt auch 2000 Jahre nach der Bergpredigt eine gewisse Aktualität. So sind im 21. Jahrhundert gerade die historischen Geisteswissenschaften geprägt vom immer wiederkehrenden Muster aus Behauptung, Erkenntnis des Irrtums und Revision. Die Forschung zu Sachverhalten, die sich lange vor dem digitalen Informationszeitalter ereignet haben, und Rekonstruktionsversuche von Biografien, die in Epochen mit ganz anderem Persistenzverständnis ihren Abschluss fanden, enden nur allzu oft in resignierter Spekulation oder – euphemistisch formuliert – der Akzeptanz von Diskontinuitäten.

Dies gilt auch in Bezug auf den Bildhauer und Holzschnitzer Ludwig Münstermann, dem das Landesmuseum Kunst & Kultur Oldenburg von August bis November 2025 die erste institutionelle Einzelausstellung widmet. Wir wissen nahezu nichts über seine Person im Privaten; historische Quellen lassen nur vage Schlüsse auf die Geburt (um 1575, wohl in Bremen), das Versterben (1637 oder 1638) und einige Familienmitglieder bzw. Mitarbeitende zu. Seine Vita lesen wir vor allem durch die überlieferten Werke: Sie entstanden fast ausschließlich für das Oldenburger Land, im Auftrag der gräflichen Familien von Oldenburg und Delmenhorst oder der zahlreichen regionalen Kirchengemeinden. Die bedeutendsten Erzeugnisse der Münstermann-Werkstatt sind dabei sicherlich die überwältigenden Kirchenausstattungen. Wichtige Altäre haben sich etwa erhalten in Varel, Rodenkirchen, Hohenkirchen oder Tossens. Manche sind noch in größtenteils authentischem Zustand, andere wurden über die Jahrhunderte verändert, beschädigt, restauriert, fragmentiert.

Zu letzteren gehört der aus Eichen- und Lindenholz gefertigte Altar in der St. Bartholomäus-Kirche in Tossens, von dem das hier besprochene Objekt des Monats ursprünglich stammt. Entstanden um 1631, ereilte dem beeindruckenden Monumentalwerk – messend fast fünf Meter in der Höhe und vier Meter in der Breite – bald das für seine Zeit und Material so typische Schicksal der Verwitterung und des langsamen Schädlingsbefalls. Nach der erstmaligen farbigen Fassung aus dem Jahr 1662, also mehr als 30 Jahre nach der plastischen Fertigung durch Münstermann, wurde der Altar im 18. Jahrhundert zunächst weiß-golden, im 19. Jahrhundert dann grau übermalt. Der spätere dieser Eingriffe erfolgte wenig fachgerecht mit Ölfarbe. Im Folgenden erlitt der Altar massive Schäden und Holzwurmbefall, weswegen bei Erhaltungsarbeiten in den Jahren 1922–24 verschiedene Figuren abgenommen und zur Rettung in das Landesmuseum Oldenburg überführt wurden. Unter ihnen befanden sich Personifikationen von Herrschaft und Ruhm, ein Zierobelisk oder der ausdrucksstarke geflügelte Teufel, der eine hochkomplexe, aus heutiger Perspektive auch problematische Ikonografie ausweist und im aktuellen Ausstellungskatalog des Museums detailliert besprochen wird. Keine dieser Skulpturen wurde in Tossens ersetzt.

Anders gestaltete sich der Umgang mit zwei Figuren, die sich noch heute schädlingsfrei, aber auch ohne Köpfe in den Beständen des Landesmuseums finden: Sie wurden 1925 repliziert, mit Ergänzungen versehen und auf die Spitzen der Altarflügel gesetzt. 1951 entschied man sich, den Altar in Tossens mitsamt aller Skulpturen in kunterbunten Farben neu zu fassen. So sitzen nach wie vor in der Kirche als Ersatzfiguren einerseits ein gelb-rot-blau gewandter Apostel, wohl Petrus, und eine nicht weniger polychrome Maria lactans, also eine stillende Muttergottes. Walter Müller-Wulckow, der frühere Direktor des Landesmuseums, freute sich dementsprechend 1938 über den Eingang der Originalfiguren des Apostels und der in lutherischem Kontext so seltenen Maria in die Bestände der Institution. Die großen Verdienste des damaligen Direktors um die Erhaltung von Kulturgut und seine weitreichende Expertise disqualifizierten damals wohl a priori jeglichen Verdacht, man könne mit der Deutung der Figuren schlichtwegs falsch liegen. Tatsächlich hat in jenen Jahren um Müller-Wulckow nicht nur die – wie sich später herausstellte – Personifikation der Fides, also des Glaubens, eine geschlechtliche Transition zum Apostel durchgemacht, die vom gerne mit dem Nichtbinären spielenden antiken Rom sicherlich mit Freude rezipiert worden wäre. Auch Münstermanns Personifikation der Caritas, also der selbstlosen Liebe, der Wohltat, wurde sofort zur Maria umgedeutet.

Trotz der Nähe der Deutenden zu den Objekten, trotz ihres immensen Wissens um lutherische Bildprogramme ist der damalige Fehler nachvollziehbar. Es sei zu bedenken, dass in den 1920er-Jahren nicht auf eine einzige wissenschaftliche Publikation zum Künstler zurückgegriffen werden konnte. Eine erste Systematisierung, die diesen Namen auch wirklich verdiente, sollte erst mit der Dissertation von Martha Riesebieter im Jahr 1930 veröffentlicht werden. Wie also von der fortwährend unmittelbar erkennbaren Botschaft von Liebe und Zuneigung, von der Sitzfigur mit liebevoll gehaltenem, gelocktem Säugling im Arm, nicht auf eine Maria schließen, insbesondere, wenn sich die Darstellung weiblicher, sich kümmernder Subjekte zu jener Zeit auf maximal drei relevante beschränkte? Bis heute kann diese Anekdote Zeugnis ablegen sowohl von der überzeitlichen Bildsprache und relationalen Wirkkraft des Münstermannschen Oeuvres als auch der menschlichen Tendenz zum konstanten Irrtum.

Literatur:
Anna Heinze/Hannes Eckstein (Hrsg.): Münstermann. Katalog zur Ausstellung im Landesmuseum Kunst & Kultur Oldenburg, Petersberg 2025.
Elfriede Heinemeyer: Die Arbeiten Ludwig Münstermanns und seiner Werkstatt im Lande Oldenburg, in: Anton Günther - Graf von Oldenburg 1583-1667, Katalog zur Ausstellung im Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg, Oldenburg 1983, S. 148/149.
Dietmar J. Ponert/Rolf Schäfer: Ludwig Münstermann. Der Meister - die Werkstatt - die Nachfolger. Bildhauerkunst des Manierismus im Dienste lutherischer Glaubenslehre in Kirchen der Grafschaft Oldenburg. Textband, S. 338/339.
W. Müller-Wulckow (Hrsg.): Oldenburgisches Landesmuseum. Führer durch die Neuerwerbungen seit der Zusammenfassung der Staatlichen Kunstsammlungen im alten Schloß; 100 Jahre Altertümersammlung, 50 Jahre Kunstgewerbemuseum, 25 Jahre Museumsgesellschaft. Oldenburg 1938, S. 72.
 
 

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