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Wilhelm Wagenfeld/Braun AG, Radio-Plattenspieler „Combi“, 1955

Kunststoff, Gummi, Metall
Landesmuseum Kunst & Kultur Oldenburg
Inv. 23.750

Runa König

Der Braun „Combi“ steht als elektrisches Kleingerät für viele kulturelle und zeithistorische Merkmale im Deutschland der Nachkriegszeit. Sie verkörpert auf großartige Weise den Zeitgeist der 1950er-Jahre. Der Wunsch nach Freiheit, einem neuen Lebensgefühl und neuen Alltagsgeräten war in den 50ern ausschlaggebend für viele Menschen. Nach den Entbehrungen des Krieges sehnte man sich nach „ein bisschen Glück“. Ausflüge mit dem Fahrrad, dem Motorroller oder dem Auto gehörten zur Freizeitgestaltung. Was konnte es Schöneres geben, als einen Camping-Ausflug, ein Picknick oder einen Tag am See mit Musik zu untermalen. Genau diesen Wunsch erfüllte der „Combi“. Das Gerät aus Kunststoff – einem damals neuen Werkstoff – konnte sowohl Zuhause mit einem Netzteil als auch mit Batterie betrieben werden. Es spielte Singles ab oder diente als Radioempfänger.

Die 50er gelten als die Blütezeit des Schlagers, mit Interpreten wie Cornelia (Conny) Froboess, die mit „Pack die Badehose ein“ im Jahr 1951 einen Hit landete. Gleichzeitig eroberte der Rock’n‘Roll die Herzen der jungen Menschen. „Rock around the clock“ (1955) von Bill Haley & His Comets oder „Jailhouse Rock“ (1958) von Elvis Presley gehörten zu den meistverkauften Singles dieser Zeit. Immer mehr Haushalte besaßen Radiogeräte und Schallplattenspieler. Der „Combi“ bot dabei die Möglichkeit, selbst ausgewählte Musik abzuspielen oder Radiosendungen zu empfangen – ein Stück neues Lebensgefühl. Doch nicht nur der gesellschaftliche Aspekt ist bei diesem Objekt von Bedeutung. Auch sein Design steht für einen neuen Zeitgeist. Verantwortlich dafür sind der Produktdesigner Wilhelm Wagenfeld (1900–1990) sowie Erwin (1921–1992) und Artur Braun (1925–2013). Nach dem plötzlichen Tod ihres Vaters Max Braun (1892–1951), der die Firma 1921 als „Apparatebauwerkstatt“ in Frankfurt gegründet hatte, übernahmen sie Leitung des Unternehmens. Bereits ab 1923 stellte Braun die ersten Rundfunkempfänger her.  Obwohl die Firma nach Krieg und Nachkriegszeit gut aufgestellt war, bedeutete die neue Verantwortung eine große Herausforderung für die jungen Brüder. Besonders Erwin Braun erkannte, dass auch das Design von Elektrogeräten modernisiert werden musste, um zukunftsfähig zu bleiben. Im Möbelbau war dieser Wandel bereits erkennbar, hier sei nur der allseits bekannte „Nierentisch“ genannt. Auf Ausstellungen und Messen der 1950er-Jahre wurde für neue Wohnformen und moderne Haushaltsgeräte geworben – der Alltag sollte funktionaler werden.

Im September 1954 besuchte Erwin Braun einen Vortrag von Wilhelm Wagenfeld in Darmstadt. Unter dem Titel „Künstlerische Zusammenarbeit mit der Industrieentwicklung von Industrieformen, von der Idee bis zur Produktion“ sprach Wagenfeld auf der Jahrestagung der süddeutschen Landesverbände des Bundes deutscher Kunsterzieher. Kurz darauf wandte sich Braun in einem Brief direkt an Wagenfeld mit der Bitte, etwas für den „elektrotechnischen Hausrat“ der Firma zu entwerfen (Brief an Prof. Wilhelm Wagenfeld, vom 21.09.1954, Quelle). Die Zusammenarbeit Wilhelm Wagenfelds mit der Braun AG dauerte zwar nur von 1954 bis 1956, war aber entscheidend für das Umdenken des Unternehmens.

Der in Bremen geborene Wagenfeld absolvierte unter anderem eine Lehre im Zeichenbüro der Bremer Silberwarenfabrik Koch & Bergfeld, besuchte die Bremer Kunstgewerbeschule und studierte am Bauhaus in Weimar. Von 1931 bis 1935 lehrte er als Professor an der Staatlichen Kunstschule Berlin. 1954 gründete er seine eigene Werkstatt und arbeitete als Designer für namhafte Firmen wie Pelikan und Hengstenberg. Er entwarf Leuchten, Gläser, Gebrauchsgegenstände unterschiedlichster Art und gilt als einer der Pioniere des Industriedesigns. Dass Design funktional und geordnet sein muss, steht neben dem Material und der Gestaltung der Form für Wagenfelds Anspruch an Gestaltung. Ziel seines Designs war immer, auch die gesellschaftliche Relevanz der Produkte zu bedenken und den Menschen als Nutzer mit in sein Schaffen einzubeziehen.

Diese Prinzipien lassen sich auch bei dem Braun „Combi“ wiederfinden: Die Tasten sind gut sichtbar, auch wenn von oben auf das Gerät geschaut wird. Im Deckel, unter dem sich der Plattenspieler verbirgt, lassen sich einzelne Singles aufbewahren. Ein Trageriemen ermöglicht den einfachen Transport. Die Farbgebung in Rot und Grau wirkt harmonisch und modern. Auf der Unterseite befindet sich das Technikfach, das sich leicht mit einer Münze öffnen lässt und sowohl den Einsatz von Batterien und des Netzteils aber auch die Sicht auf die einzelnen Teile der Technik ermöglicht.

Der „Combi“ wurde kurz nach der ersten Kontaktaufnahme zu Wagenfeld entwickelt und 1955 auf den Markt gebracht. Im selben Jahr wurde Fritz Eichler (1911–1991) als Zuständiger für das Design der Firma eingestellt. Er hatte von 1931 bis 1935 Kunstgeschichte und Theaterwissenschaften studiert und war mit den Bauhaus-Grundsätzen bestens vertraut. Besonders prägend war die Zusammenarbeit mit der 1953 gegründeten Hochschule für Gestaltung Ulm (HfG Ulm) für das neue Braun-Design. Die Designer der Hochschule, darunter Hans Gugelot, Dieter Rams und Otl Aicher, wurden mit den Entwürfen Geräte beauftragt. Die neuen Produkte wurden 1955 auf der Düsseldorfer Funkausstellung vorgestellt und sollten die Firma trotz anfänglicher Skepsis zu einem großen Erfolg führen. Ein Höhepunkt war 1957 die Teilnahme an der Triennale in Mailand: Braun erhielt für sein Gesamtprogramm die Auszeichnung „Grand Prix“.

Das neue Braun-Design machte die Firma mit Erfolg zukunftsfähig und traf den Zeitgeist der Menschen in den 50er Jahren.

Literatur:
Jens Plewa: combi. In: Braun+Design 14, September 1989, S. 4-9.
Landesmuseum Oldenburg (Hg.): Oldenburg. Kulturgeschichte einer historischen Landschaft, Oldenburg: Isensee 1998, Kat. Nr. 66.17.
Beate Manske (Hg.): Zeitgemäß und zeitbeständig. Industrieformen von Wilhelm Wagenfeld Band 2, Werkverzeichnis, Bremen 2012, WVZ 581.

Quelle:
Hartmut Jatzke-Wigand, https://www.designundtext.com, verifiziert am 01.09.2025).
 

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