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Ludwig Angerer (fl. 1891-1913) nach Andrea Solario (1465-1524) 
Salome mit dem Haupt des Johannes
um 1906

Heliogravüre
Erworben 2017 aus dem Kunsthandel
Landesmuseum Kunst & Kultur Oldenburg

Inv. LMO 31.052/2

Ab ca. 1906 verkaufte Carl G. Onckens Hofkunsthandlung Mappen mit farbigen und farblosen Reproduktionen der Großherzoglichen Gemäldegalerie zu Oldenburg. Das hier vorgestellte Werk stammt aus eines dieser Mappen von 16 „farbige[n] Kupfer-Facsimiles nach Gemälden der Großherzoglichen Gemäldegalerie Oldenburg“ und ist eine Reproduktion des Kunstdruckers Ludwig Angerers nach dem Gemälde „Salome mit dem Haupt des Johannes“ (um 1507/9) von Andrea Solario.

Die Legende um Salome

Herodes Antipas (um 20 v. Chr.–um 39 n. Chr.), Herrscher von Galiläa und Peräa, heiratet laut Neuem Testament in zweiter Ehe seine Schwägerin und Nichte Herodias (8 v. Chr.–nach 39 n. Chr.), die Mutter von Salome. Johannes der Täufer bezeichnet diese Ehe in einer seiner Predigten als sündig und wird daraufhin von Herodes Antipas eingesperrt. Salome führt bei Herodes‘ Geburtstag einen Tanz auf, der dem Herrscher so sehr gefällt, dass er ihr einen Wunsch gewährt. Die rachsüchtige Herodias flüstert ihrer Tochter daraufhin ein, sie solle sich den Kopf des Johannes wünschen. Herodes Antipas zögert erst, sieht sich aber dazu gezwungen, vor den ehrwürdigen Gästen sein Wort zu halten: Er lässt den Täufer im Gefängnis enthaupten und seinen Kopf auf einem Tablett zu Salome bringen.

Der jüdisch-hellenistische Historiker Flavius Josephus (ca. 37/38–um 100) begründet in seinen Schriften die Enthauptung allein mit der Angst des Herodes Antipas, dass der Einfluss Johannes‘ des Täufers auf die Menschen eine Gefahr für seine eigene Macht darstelle. Es ist daher nicht unwahrscheinlich, dass die Enthauptung des Täufers im Neuen Testament etwas ausgeschmückt wurde.

Salome ist bei dem Geburtstag ihres Stiefvaters erst 12 Jahre alt. Sie wird „κοράσιον“ genannt, ein Diminutiv von „κόρη“, was altgriechisch ist und „Mädchen“ bedeutet.  Trotzdem prägte die von der frühen Kirche verbreitete Vorstellung von Salome – die dem vor allem im späten 19. Jahrhundert gängigen Stereotyp der „Femme fatale“ entspricht – lange Zeit die christlich geprägte, westliche Gesellschaft. Die Schuld liege bei den Frauen – bei der „verführerischen“ 12-Jährigen, die ihren Stiefvater so sehr verzaubert habe, dass er ihr die Hälfte seines Reiches gegeben hätte. Herodes wird somit die Opferrolle zugeschrieben, obwohl seine (durch ihn) sexualisierte Stieftochter und der ermordete Johannes die eigentlichen Leidtragenden sind. Zudem stammt die Idee, den Kopf des Täufers zu verlangen, nicht von Salome, sondern von ihrer Mutter. Der französische Literaturwissenschaftler, Kulturanthropologe und Religionsphilosoph René Girard (1923–2015) nennt Salomes Wunsch eine mimetische Begierde – die Begierde ihrer Mutter wird zu ihrer eigenen und verstärkt sich. Somit würde man aus heutiger Sicht die Hauptschuld an der Ermordung des Johannes nicht mehr Salome zuschreiben. Andrea Solario entsprach mit seiner Darstellung aber genau dem Konsens seiner Zeit. In seiner Komposition „Salome mit dem Haupt des Johannes“ (ca. 1507–1509) wird der Kopf des Johannes vom Henker auf einem Tablett serviert, das Salome hält. Vom Henker ist dabei lediglich der Unterarm zu sehen. Dadurch wird der Mord ausschließlich mit dem Mädchen konnotiert und ihre Schönheit mit der Grausamkeit des leblosen Kopfes in Kontrast gesetzt.

Da Vinci – Solario – Tischbein

Andrea Solario war als lombardischer Künstler stark von den Techniken und der Malweise Leonardo da Vincis (1452–1519) beeinflusst. In diesem Werk ist zu sehen, wie er Einflüsse der Stilllebenmalerei mit Da Vincis Menschendarstellung kombiniert.

Es wird aufgrund der starken Ähnlichkeit zu anderen Darstellungen der Salome von Leonardos Schülern, v.a. Bernardino Luini (um 1480/82–1532), vermutet, dass sich Solarios Komposition auf eine verlorene Skizze oder ein Gemälde von Leonardo da Vinci bezieht.

Über einen Pariser Kunsthändler gelangte Solarios Gemälde 1808 in die Großherzogliche Gemälde Galerie zu Oldenburg und damit zu Galeriedirektor und Hofmaler Johann Heinrich Wilhelm Tischbein (1751–1829), der eine Studie von Salome schuf. Im Anschluss an die Versteigerung der wichtigsten Werke der großherzoglichen Kunstsammlung 1923 gelangte Solarios Werk über Umwege nach New York City, wo es bis heute im Metropolitan Museum of Art zu sehen ist.

Die Reproduktion

Ludwig Angerer – auch Angerèr – war als Kunstdrucker zwischen 1891 und 1913 in Berlin tätig. Um 1906 fertigte er Heliogravüren mehrerer Werke der Großherzoglichen Galerie im Auftrag von Carl G. Onckens Hofkunsthandlung in Oldenburg. Diese Heliogravüre stammt aus einer Mappe, die 1906 erschienen ist und 16 „farbige Kupfer-Facsimiles nach Gemälden der Großherzoglichen Gemäldegalerie Oldenburg“ umfasst. Dieselben Druckstöcke wurden vermutlich für die Publikation „Die Großherzogliche Gemälde-Galerie im Augusteum zu Oldenburg – 41 Reproductionen in Photogravure“ von A. Bredius und F. Schmidt-Degener aus demselben Jahr verwendet.

Angerer hat seine Reproduktion des Salome-Gemäldes fälschlicherweise als Chalkografie signiert, da dieser ein historischer Begriff für den Kupferstich ist. Es handelt sich jedoch um eine Heliogravüre, eine aufwendige druckgrafische Technik, die auf Fotografie basiert: Mithilfe eines Vergrößerungsgeräts wird zuerst ein positiver Halbtonfilm erstellt. Lichtempfindliches Gelatine-Pigmentpapier wird mit dem Halbtonfilm belichtet und auf eine mit Harzstaub beschichtete Kupferplatte verbracht. In einem Wasserbad wird das Papier entfernt und die nicht gehärtete (unbelichtete) Gelatine abgewaschen. Die Platte mit dem Gelatinenegativ wird in sukzessive schwächeren Säurebädern geätzt, wodurch die Halbtöne, also die Graustufen, angelegt werden.

Abschließend wird die Kupferplatte mit Druckfarbe beschichtet und auf Büttenpapier gedruckt. Die Tiefe der Ätzung in das Kupfer bestimmt einen transparenteren oder satteren Farbton im Endergebnis.

Man kann aufgrund der Entstehungszeit und den bildlichen Unterschieden (wie beim Kopfschmuck der Salome) davon ausgehen, dass Angerer ein Schwarz-Weiß-Negativ von Solarios Gemälde aus Oldenburg hatte. Vermutlich wurden die Kolorierungen per Hand vom Drucker durchgeführt – in einem Prozess, der sich „à la poupée“ nennt. Hierbei wird die Platte mit mehreren Farben mittels eines Stoffballes („poupée“) eingefärbt.

Durch die Heliogravüre lässt sich Solarios Bildidee trotz Verkauf des Gemäldes ins Ausland weiterhin in Oldenburg betrachten und ist als Zeugnis der Sammlungsgeschichte des Landesmuseums erhalten geblieben.

Literatur:
Flavius Josephus, Antiquitates Judaicae XVIII 5,2 (§§ 116–119), in: Des Flavius Josephus Jüdische Altertümer. Übers. von Heinrich Clementz, Bd. 2, Köln 1959
Silke Petersen, Salome: Die Tochter der Herodias tanzt und bekommt einen Namen, 2008 S. 69, in Tanz und Religion - Frankfurt am Main: Lembeck, 2008
René Girard, Scandal and the Dance: Salome in the Gospel of Mark, in: New Literary History 15, 1984
Abraham Bredius, Frederik Schmidt-Degener, Die Großherzogliche Gemälde-Galerie im Augusteum zu Oldenburg, Oldenburg 1906
Friedrich Kurt von Alten, Verzeichniss der Gemälde, Gypsabgüsse, geschnittenen Steine etc. in der Grossherzoglichen Sammlung zu Oldenburg. Vierte durchgesehene und vervollständigte Auflage, Oldenburg 1875

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