Kunstwerk des Monats

Februar 2020

Franz Radziwill, Stehendes Paar im Café, 1919/20
Öl und Bleistift auf Pappe, 66,5 x 47 cm
Dauerleihgabe aus Privatbesitz
Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg, L-19.864/a
Foto: Sven Adelaide

Wenn wir heute an Franz Radziwill denken, dann zumeist an den Maler des Magischen Realismus, der 1921 erstmals nach Dangast kam und seit 1923 dort lebte. Die Werke dieses Malers sind vielen Museumsbesuchern bekannt und gehören zu den beliebtesten Werken der Galerie Neue Meister im Prinzenpalais.
Ratlos begegnen manche jedoch den seltenen frühen Werken des Künstlers. Und kaum bekannt dürfte heute noch sein, dass es gerade diese Bilder waren, mit denen Radzwill um 1920 berühmt wurde.
Gemälde wie das hier vorgestellte haben mit dem Magischen Realismus der Jahre ab 1925 nichts gemein. Sie entstanden noch bevor der Künstler sich ab 1921 auf die Spuren der Brücke-Maler in Dangast begab und sich die kräftige Farbigkeit der Werke Karl Schmidt-Rottluffs und Erich Heckel aneignete.
Am ehesten scheinen diese frühen Bilder der Naiven Malerei verwandt oder der sogenannten ‚Art Brut’ bzw. ‚Outsider Art‘, wie sie seit den 1940er Jahren der französische Maler Jean Dubuffet propagierte. Doch lange vor diesem experimentierte Radziwill mit einer Unmittelbarkeit und Unbefangenheit, wie wir sie von den Zeichnungen und Bildern von Kindern kennen: Hände und Gesichter der Dargestellten sind durch einfache Zeichen wiedergegeben. Die Logik der Raumillusion wird ignoriert. Nahezu unverbunden stehen die Elemente des Bildes nebeneinander: die beiden Figuren, die das Paar am Tisch bilden, der Tisch mit den Kaffeetassen darauf, der Fensterausblick auf eine Landschaft mit Haus und Passanten.

In Bildern wie diesen brach der noch nicht Dreißigjährige mit allen akademischen Traditionen. Gerade die provozierend zur Schau gestellte vermeintliche Kindlichkeit der Bildauffassung war es, die die frühen Berichterstatter und Sammler in den Bann des Künstlers zog. Die Kritiker der frühen 1920er Jahre schwärmten von der „Märchenstimmung“ und dem „verträumten Zug“ der Bilder Radziwills: „Unbefangen wie der erste Mensch steht er den ersten Dingen gegenüber, was er mit seinem Zauberstab berührt, erklingt in neuer Weise“, schrieb Rosa Schapire 1921 in der Zeitschrift „Das Kunstblatt“.

Nach den Jahren des Kaiserreichs und der Erfahrung des Ersten Weltkriegs, durch die sich die pathetischen Phrasen und der Glaube an eine Unüberwindbarkeit der wilhelminischen Traditionen als hohl erwiesen hatten, gierte die Moderne nach neuen Bildformen. Während sich Kubisten und Expressionisten an den Formen afrikanischer Plastik orientierten, experimentierte Radziwill mit den unverbrauchten Bildwelten der Kunst von Kindern und der Unmittelbarkeit der Kunst der Straße: Das unvollendet Erscheinende, Flüchtige, Halbfertige seiner Malerei kokettiert mit Kritzeleien an Mauer- und Toilettenwänden.

Es gehört zu den tragischen Wendungen der deutschen Kulturgeschichte, dass dieselben Vergleiche und Begriffe, die um 1920 gebraucht wurden, um die neuartige Kraft der Werke dieses Künstlers zu beschreiben, nach 1933 dazu dienten, dieselben als „entartet“ zu verunglimpfen. Tragischerweise wandte sich auch Radziwill selbst, von den neuen Machthabern angezogen, in der Zeit des Nationalsozialismus von seinem bahnbrechenden Frühwerk ab.

Für uns erscheint ein Bild wie das „Stehende Paar im Café“ aus der Zeit zu fallen: Heute erscheint es uns als Vorwegnahme der mit Schriftzeichen durchsetzten Graffitikunst, die mit Werken von Keith Haring und Jean-Michel Basquiats seit den 1980er Jahren Einzug in die Museen hielt.

 

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