DIE PALMA-STORY

400 Jahre alt, fast vergessen und nun wieder ausgerollt: Jahrzehntelang schlummerte das Gemälde „Fürbitte der Heiligen“ des Barockmeisters Palma Il Giovane im Depot des Landesmuseums Oldenburg.

Ein aufwändiges Restaurierungsprojekt, gefördert durch die Initiative Kunst auf Lager, die Hermann Reemtsma Stiftung, die Kulturstiftung der Länder und die Ernst von Siemens Kunststiftung, verhilft dem einzigartigen Kunstwerk jetzt zu neuem Glanz, bevor es im Frühjahr 2021 erstmals im Oldenburger Schloss zu sehen sein wird.
Verfolgen Sie die Arbeiten des Restauratoren-Teams und erfahren Sie mehr über die bewegte Geschichte des Bildes!

VON DER ROLLE

Die Restauratoren beim vorsichtigen Abrollen des Gemäldes

Zwei Meter hoch und sechs Meter breit: Um das Gemälde überhaupt lagern zu können, wurde es auf
eine eigens angefertigte Trommelkonstruktion aufgerollt.
Ein Jahrhundert lang blieb der Palma im Depot und war den Forscherinnen und Forschern
nur durch eine alte Schwarzweißabbildung bekannt.

2019 wagten es die Restauratoren, das Gemälde vorsichtig abzurollen, und erstmals kamen die eindrucksvollen Farben zum Vorschein – aber auch die Schäden, die über die Jahre entstanden sind.

WO ALLES BEGANN

Die heute nicht mehr existierende Kirche S. Domenico in Brescia auf einer Fotografie von 1883

Aus zeitgenössischen Quellen geht hervor, dass der Bischof von Brescia in den 1620er Jahren die Ausstattung der Rosenkranzkapelle der Kirche S. Domenico bei dem venezianischen Meister Palma Il Giovane in Auftrag gab.

VON HEILIGEN UND MÄRTYRERN

Palma entschied sich bei der Gestaltung der Kapelle für zwei monumentale Darstellungen mit einem durchdachten ikonographischen Programm. Die „Fürbitte der Heiligen“ zeigt eine Schar von männlichen und weiblichen Heiligen, die von Maria und Petrus angeführt wird. Sie scheinen Christus, der in der mittleren Bildachse auf einer Wolke steht, auf etwas hinzuweisen: die Seelen im Fegefeuer, für die hier Fürbitte gehalten wird.

Palma Il Giovane, Fürbitte der Heiligen, um 1627

EIN GETEILTES SCHICKSAL

Das Fegefeuer war ursprünglich auf einem unteren Bildteil zu sehen. Heute gilt dieser zweite Teil des Gemäldes als verschollen. Das eigentlich doppelt so hohe Werk wurde vermutlich geteilt, als man im Jahr 1883 die Kirche S. Domenico abriss und das Kircheninventar auf dem Kunstmarkt verkaufte.

DER ANDERE PALMA

Das zweite Gemälde, das Palma für die Rosenkranzkapelle schuf, war ebenfalls eine Doppeldarstellung. Im noch erhaltenen, unteren Teil, der sich heute in italienischem Privatbesitz befindet, wird an die Schlacht von Lepanto im Jahr 1571 erinnert.

Mehr über das Gemälde „Die Schlacht von Lepanto“ erfahren

Palma Il Giovane, Die Schlacht von Lepanto, um 1627, Privatbesitz Italien

EIN GETEILTES SCHICKSAL

Bildmontage mit Kupferstich: Palma Il Giovane, Die Schlacht von Lepanto, um 1627, Privatbesitz Italien

In dieser Schlacht konnte die spanisch-venezianische Flotte die gegnerischen Osmanen durch technische Überlegenheit besiegen. Für diesen Sieg vom 7. Oktober wurde von Papst Pius V. das Rosenkranzfest als Gedenktag gestiftet.

Oberhalb der Historienszene befand sich eine heute verschollene Trinität, also die Darstellung von Gottvater, Jesus und Heiligem Geist. Das Bild ereilte das gleiche Schicksal wie das Oldenburger Gemälde: Es wurde horizontal in der Mitte zerteilt, um es verkaufen zu können. Der obere Teil ist nur aus einem alten Kupferstich bekannt.

EIN VENEZIANISCHER MEISTER

Palma Il Giovane, Selbstportrait, ca. 1590–1599, Pinacoteca di Brera, Mailand

Jacopo Palma, genannt Palma il Giovane, war ein italienischer Maler des Frühbarock. Er wurde 1548 in Venedig geboren und starb dort im Jahre 1628. Der Herzog von Urbino förderte ihn einige Jahre und ermöglichte ihm, in Rom zu arbeiten. Obwohl auch sein Vater, Antonio Palma, und sein Großonkel, Palma il Vecchio, malten, orientierte sich Palma il Giovane lieber an den großen Malern des goldenen Zeitalters der venezianischen Malerei: an Tizian, an Veronese und an Tintoretto. Während sein Oeuvre sich zu großen Teilen aus christlichen Darstellungen zusammensetzt, malte er ab 1600 auch vermehrt mythologische Szenen. Die meiste Zeit seines Lebens wirkte er in Venedig, wo er mit Aufträgen vor allem von Staat und Kirche sehr gut beschäftigt war.

DER WEG NACH OLDENBURG

Carl Rahl, Bildnis des Großherzogs Nikolaus Friedrich Peter von Oldenburg, 1861, Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg

Palmas Gemälde „Fürbitte der Heiligen“ kam vermutlich um das Jahr 1890 nach Oldenburg, als der damalige Großherzog Nikolaus Friedrich Peter es in Italien für seine Kunstsammlung erwarb. Einige Jahre zuvor war die Kirche
S. Domenico in Brescia, wo sich das Gemälde bis dahin befand, abgerissen und das Kircheninventar auf dem Kunstmarkt zum Verkauf angeboten worden.

PALMA AUF DER ROLLE

Die Lagerung des Gemäldes auf einer Trommelkonstruktion

Ob es hier jemals ausgestellt war, ist nicht geklärt. Aufgrund seines großen Formats, für das es kaum Präsentationsorte im Oldenburger Schloss gab, wurde es relativ schnell zusammengerollt und verschwand im Depot.

MOMENT DER WAHRHEIT

Das Restauratorenteam bei der Schadenskartierung

Im Mai 2019 startete das großangelegte Restaurierungsprojekt „Palma von der Rolle“ mit einem dreiköpfigen Restauratoren-Team aus Kiel. Ausgangspunkt war das vorsichtige Abrollen des Gemäldes von der Trommel. Bis dahin waren nicht nur die Farben des Gemäldes unbekannt, sondern auch der Zustand des Bildes. Die erste Schadenskartierung gab Entwarnung: Es sind keine größeren Schäden an dem 400 Jahre alten Werk festzustellen.

UNTER DER OBERFLÄCHE

Die Restauratoren tragen den Firnis ab

Die Restauratoren entfernten zunächst auf der gesamten Fläche des Gemäldes den Firnis – also die letzte, farblose Schutzschicht. Die freigelegten Stellen machten deutlich, wie stark vergilbt der Firnis war. Außerdem wurden Staub- und Schmutzschichten abgenommen, die sich im Laufe der Jahrhunderte abgelegt hatten. Zum Vorschein kamen so immer mehr die leuchtenden Farben, die Palma für sein Werk verwendet hatte.

KITTUNGEN UND ALTE RETUSCHEN

Detailaufnahme des Gemäldes mit alter Kittung und Retusche

An mehreren Stellen auf dem Gemälde finden sich ältere Kittungen (also Verschlüsse von Fehlstellen) und Retuschen. Diese sind im Laufe der Zeit stark nachgedunkelt und mussten abgenommen werden.

FIXIERUNG DER DOUBLIERLEINWAND

Detailaufnahme des Gemäldes im Randbereich mit den beiden sich überlappenden Leinwänden

Um die Originalleinwand zu stärken, wurde vermutlich im 19. Jahrhundert eine zweite Leinwand (die sogenannte Doublierleinwand) dahinter geklebt. Die überstehende Doublierleinwand ist an den Rändern des Gemäldes deutlich zu erkennen. Da sie sich an einigen Stellen von der Originalleinwand löste, war eine Fixierung notwendig.

EINE LETZTE REISE

Transport des Gemäldes ins Oldenburger Schloss

Der Gemälde-Riese stellt das Team immer wieder vor logistische Herausforderungen. Nur im zweiten Obergeschoss des Schlosses ist der Platz ausreichend, um den Palma final auszustellen. Ist das Gemälde aber erst einmal auf seinen neuen Keilrahmen aufgespannt, wird es unmöglich, es durch das schmale Treppenhaus des Schlosses zu transportieren.

Mit vereinten Kräften wurde das wieder aufgerollte Bild aus der Restauratorenwerkstatt an seinen Standort im Schloss gebracht, wo die weiteren restauratorischen Maßnahmen erfolgen.

EIN NEUER KEILRAHMEN

Rückseite des Gemäldes mit Spezial-Keilrahmen

Um das Gemälde wieder aufspannen zu können, wurde ein Spezial-Keilrahmen aus Aluminium und Holz konstruiert. Mit fast 700 Nägeln wurde die Leinwand an dem Keilrahmen befestigt. In diesem stabilen Zustand konnte das Werk erstmals wieder aufgerichtet werden.

AUSMESSUNGEN

Kuratorin Dr. Anna Heinze und das Restauratorenteam messen den Raum aus

Vorher wurde die Hängehöhe des Gemäldes an der Wand definiert, um die entsprechenden Halterungen anbringen zu können. Da das Bild ursprünglich größer und in der Kirche S. Domenico vermutlich relativ weit oben platziert war, sind die Figuren von Palma auf Untersicht angelegt worden, d.h. in ihren Proportionen perspektivisch verkürzt, damit sie für den Betrachter von seinem Standpunkt aus wieder ausgeglichen wirkten. Dieser Umstand muss bei der Hängung ebenso berücksichtigt werden wie eine stimmige Positionierung auf der Fläche.

EIN SCHUTZ FÜR DIE RÜCKSEITE

Ein Kunstfasertuch schützt die Rückseite des Gemäldes

Auch die nicht sichtbare Rückseite eines so alten Gemäldes muss geschützt werden, was mithilfe eines sogenannten Rückseitenschutzes geschieht, der im Falle des Palma aus einem Kunstfasertuch besteht. Der Rückseitenschutz sichert den Bildträger unter anderem vor Staub und dient der Konservierung des Gemäldes.

NEUER GLANZ

Das Werk und die Arbeitsmittel des Restauratorenteams

Zuletzt wird ein transparenter Überzug auf die gesamte Oberfläche des Gemäldes aufgetragen. Der sogenannte Firnis schützt und konserviert die Ölschicht und sorgt durch seinen leichten Glanz dafür, dass die Farben an Strahlkraft und Tiefenwirkung gewinnen.

HÄNGUNG

Das fertig restaurierte Gemälde an der Wand

Mit vereinten Kräften konnte das Gemälde schließlich an die Wand angebracht werden. Zum ersten Mal seit vielen Jahrzehnten hängt es nun wieder an einer Wand und präsentiert sich dem Betrachter in seiner gesamten Monumentalität.

RETUSCHEN

Die abschließenden Retuschen schließen die Oberfläche und sorgen für einen stimmigen optischen Gesamteindruck. Die wertvolle Arbeit der Restauratoren, die sich über ein Jahr intensiv mit dem Gemälde beschäftigt haben, ist an dieser Stelle abgeschlossen.

AN DER WAND

Nachdem der eigens angefertigte Rahmen an das Werk angepasst wurde, kann die "Fürbitte der Heiligen" nun wieder im Oldenburger Schloss bewundert werden.