Das Ende 2016 gestartete Forschungsprojekt „Das Bauhaus in Oldenburg – Avantgarde in der Provinz“ tritt nun in die finale Phase. Gloria Köpnick erzählt, was es bis zur Eröffnung der Ausstellung „Zwischen Utopie und Anpassung – Das Bauhaus in Oldenburg“ noch zu tun gibt.

Es sind noch 172 Tage bis zur Eröffnung der Bauhaus-Ausstellung. Welche Fragestellungen und Aufgaben beschäftigen Sie jetzt?
Frau Köpnick
: In der finalen Phase bringen wir jetzt die Ergebnisse dieser zweijährigen Forschungsarbeit für den Katalog in Aufsatzform. Die vielen neuen Erkenntnisse zu strukturieren, ist eine ganz schöne Herausforderung, da wir wirklich ‚jeden Stein umgedreht‘ haben und es viel zu berichten gibt. Für die Ausstellungsarchitektur stehen wir momentan im engen Austausch mit der Jade Hochschule, da hier die detailgenauen Baupläne entstehen. Auch die Ankunft der vielen Leihgaben muss vorausschauend geplant werden und aktuell arbeiten wir an einem bilingualen Audio-Guide, der die Besucher durch die Ausstellung leiten wird – Sie sehen, es ist eine ganze Menge zu tun …

Sie erforschen seit Dezember 2016 die Beziehung zwischen Oldenburg und der wegweisenden Avantgarde-Hochschule der Weimarer Republik. Konnten Sie den Großteil der Fragen, die vor dem Forschungsbeginn im Raum standen, klären und gab es möglicherweise Forschungsergebnisse, die für Sie überraschend und unerwartet waren?
Frau Köpnick:
Natürlich sind wir mit dem Ziel in die Forschung gestartet, neue biografische Erkenntnisse über unsere Bauhäusler zu gewinnen, dennoch sind wir positiv überrascht, wie viele Spuren unsere Protagonisten nach gründlicher Recherche in regionalen, nationalen und zum Teil internationalen Archiven und Institutionen hinterlassen haben. Durch eine große Materialvielfalt sind die biografischen Erzählungen sehr vollständig geworden, aber auch die bestehende Forschung haben wir intensiv gesichtet und einer genauen, faktenbasierten Überprüfung unterzogen. Der Fricke-Mythos, welcher besagt, dass Fricke in seiner Funktion als Landesleiter der Reichskulturkammer im Gau Weser-Ems die Hand schützend über die Werke Paula Modersohn-Beckers gehalten hätte, konnte beispielsweise nicht bestätigt werden. Vor allem die Entdeckung des Bredendieck-Nachlasses bereichert die Wissenschaft enorm. Erst vor ein paar Wochen ist wieder eine neue Box mit Archivmaterial bei uns eingetroffen.

Sie haben im Juni dieses Jahres das Georgia Institut of Technology in Atlanta besucht und erfahren, dass ein zweiter großer Teil des Nachlasses des Bauhäuslers Bredendieck existiert. Welche neuen Erkenntnisse dieses Fundes haben Sie hierdurch dazugewinnen können?
Frau Köpnick:
Bredendiecks Nachlass in Atlanta haben wir in dem Zustand vorgefunden, wie er seiner Zeit an das Institut übergeben wurde. Die Funde reichen von Zahnarztchecks über interessante Briefwechsel mit Gropius und Marianne Brandt zu gestaltungshistorisch relevanten Lampen-Designs. Erst durch die gesamtheitliche Sichtung der Nachlassteile in Atlanta und Oldenburg ergeben die Puzzleteile ein Ganzes. Herr Stamm und ich verfügen damit momentan über den größten Wissensschatz bezüglich Bredendieck.
Der Besuch in Atlanta war für uns darüber hinaus auch wichtig, um die Stadt selbst kennenzulernen, in der der in Ostfriesland geborene Tüftler Bredendieck fast 40 Jahre gelebt und gearbeitet hat. Atlanta ist nicht nur eine klimatisch herausfordernde Südstaaten-Stadt, sondern auch die Geburtsstadt von Martin Luther King und in den 1950er und 1960er Jahren ein wichtiges Zentrum der Bürgerrechtsbewegung. Diesen Lebensort vor seinem zeithistorischen Hintergrund zu erkunden, war sehr wichtig.

Wie wurde der Bauhaus-Gedanke vor allem in Oldenburg weitergetragen?
Frau Köpnick:
Unsere Forschung – und ab April 2019 auch die Ausstellung – wird die Spuren, die das Bauhaus in Oldenburg hinterlassen hat, sichtbar machen. Bisher kaum bekannt sind zum Beispiel die Pläne zur Gründung einer „Hochschule für Gestaltung“, die in Oldenburg eröffnet werden sollte. Hierfür engagierten sich der Bauhäusler Karl Schwoon, der Maler Adolf Niesmann und der Gründer der „Vereinigung für junge Kunst“ Ernst Beyersdorff Mitte der 1940er Jahre. Im Ulm der frühen Nachkriegsjahre waren ebenfalls Ideen für eine Gestaltungshochschule entstanden, diese wurden jedoch – im Gegensatz zu Oldenburg – Anfang der 1950er Jahre Realität, sodass das Erbe des Bauhaus-Gedankens dort fortleben konnte.
Dass das Jubiläum nun in großen Schritten näher rückt, sehen wir an den Vorhaben in der ganzen Bundesrepublik, doch auch in Oldenburg sind wir nicht die einzigen Bauhaus-Enthusiasten: Die Universität Oldenburg bietet für ihre Studierenden verschiedene Seminare zum Thema Bauhaus an und Vorgespräche mit verschiedenen Kooperationspartnern haben wir bereits geführt. In unserem Alltag ist das Bauhaus ohnehin fest verankert, wenn man die Verbreitung des Freischwingers hierfür einmal als Maßstab heranzieht.

Wen wollen Sie mit Ihrer Ausstellung erreichen?
Frau Köpnick:
In unserer Ausstellung können Bauhaus-Kenner neue Erkenntnisse gewinnen, aber vor allem wollen wir auch die Bewohner unserer Stadt begeistern, da sie mit Stolz auf eine eigene, bislang unerzählte Bauhaus-Geschichte zurückblicken können. Auch diejenigen, die auf der Suche nach Bauhaus-Meisterwerken sind, werden von uns nicht enttäuscht: Spitzenwerke von Paul Klee, László Moholy-Nagy, Wassily Kandinsky oder Oskar Schlemmer werden auch zu sehen sein.

Das Forschungsprojekt „Das Bauhaus in Oldenburg – Avantgarde in der Provinz“ wird ermöglicht durch Forschungsmittel des Landes Niedersachsen. Die Ausstellung „Zwischen Utopie und Anpassung“ wird durch Fördermittel des niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur sowie die Kulturstiftung des Bundes finanziert.

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