Kunstwerk des Monats

Dezember 2018

Ostfriesischer Kinderschlitten zum Schieben aus Esens, um 1850
Holz und Metall
76 x 135 x 80,5 cm
Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg

 

Ob als Gefährt des Weihnachtsmanns, romantisches Fortbewegungsmittel im tief verschneiten Winterwald, Protagonist eines jeden Rodelvergnügens oder Präzisionsgerät des Wintersports: Der Schlitten ist zwischen November und Februar das allgegenwärtige Symbol für Winterspaß und Weihnachtszauber. Als ältestes Transportmittel der Menschheit blickt der Schlitten aber auf eine jahrtausendealte Geschichte zurück und ist insofern ein Spiegel kulturgeschichtlicher Ausprägungen und gesellschaftspolitischer Entwicklungen. Im Rahmen der Kabinettschau „Alles sieht so festlich aus! Weihnachten in Oldenburg damals und heute“, die im Landesmuseum vom 6. November 2018 bis 6. Januar 2019 zu sehen ist, kann ein besonders schönes und charmantes Exponat bewundert werden: Der historische Kinderschlitten zum Schieben, der um 1850 in Esens im ostfriesischen Landkreis Wittmund gefertigt wurde und 1938 als Geschenk aus Oldenburger Privatbesitz in die Sammlungen des Landesmuseums gelangte, zählt zweifellos zu den Highlights der Ausstellung. Er stammt aus der Übergangszeit vom Biedermeier zur Gründerzeit und war ein Aushängeschild großbürgerlichen Kultur- und Familienlebens. Der Kinderschlitten ist in seinem Aufbau und in der Gestaltung an die repräsentativen Pferdeschlitten der europäischen Fürstenhöfe angelehnt, ist jedoch wesentlich kleiner und einfacher gearbeitet. Außen ist der aus Holz gefertigte Schlitten in leuchtendem Rot gestrichen und mit weißen umlaufenden Schmucklinien verziert, der Innenraum ist in helles Grün gefasst. Die Inventaraufzeichnungen des Landesmuseums überliefern, dass die farbige Gestaltung ursprünglich gespiegelt war, also „innen zinnoberrot und aussen dunkelgrün“. Weshalb und wann der Schlitten umgestaltet wurde, lässt sich heute nicht mehr rekonstruieren. Die unten mit Eisen behauenen Kufen sind vorne hochgezogen und vereinen sich zu einem Schwanenkopf – eine weitere Reminiszenz an die sogenannten Prunkschlitten des Adels, auf deren Kufenspitzen oft die majestätischen Häupter von Schwänen, Adlern, Löwen oder Drachen thronen. Das für zwei jüngere, sich gegenübersitzende Kinder konzipierte Fahrzeug diente dem betuchten Bürgertum in verschneiten Wintertagen als Ersatz für den Kinderwagen und kam auf dem Weg zur Schule oder beim sonntäglichen Flanieren zum Einsatz. In der Regel wurden diese Kinderschlitten vom Hauspersonal geschoben, während die Kinder in warme Pelze und Decken gehüllt die Fahrt genießen konnten.

Auch bot der Kinderschlitten Erwachsenen die Möglichkeit, den Nachwuchs zum Schlittschuhlaufen mitzunehmen, ohne sich auf dem Eis einschränken zu müssen. Und wenn sich insbesondere in ländlichen Gegenden die Bevölkerung am Heiligen Abend auf den beschwerlichen Weg über verschneite Wege zur Weihnachtsmesse machte, waren die oft mit Fackeln oder Laternen beleuchteten Kinderschlitten ein beliebtes Transportmittel für die Kleinen. Lastschlitten wurden bereits im alten Ägypten beim Bau der Pyramiden und Paläste verwendet und auch in der nordeuropäischen Frühgeschichte dienten Schlitten in den Wintermonaten dem Transport von schweren Lasten wie Holz, Steine, Torf oder Heu. Ab dem 15. Jahrhundert wurden zunehmend auch Reise- oder Personenschlitten eingesetzt, allerdings war es zunächst nur dem Adel, später auch einigen wohlhabenden und einflussreichen Bürgern vorbehalten, in prachtvoll verzierten Pferdeschlitten winterliche Ausfahrten zu unternehmen oder vielbewunderte Paraden abzuhalten. Im Barock erlebte der Prunkschlitten seine Blütezeit; die meisterhafte handwerkliche Ausführung und künstlerische Gestaltung waren ebenso Ausdruck von Macht, Wohlstand und höfischer Festkultur, wie die Größe der „Luxus-Schlitten“. Der allseits beliebte Rodelschlitten begann Ende des 18. Jahrhunderts seinen Siegeszug und entwickelte sich aus dem bäuerlichen Hornschlitten zu dem deutlich kleineren „Davoser Schlitten“, der aus der Schweiz stammt und sich bis heute in Form und Funktion kaum verändert hat. Der Kinderschlitten aus Esens ist nun erstmalig im Landesmuseum Oldenburg zu sehen und konnte im Zuge der systematischen Revision der Sammlungsbestände als Schatz neu gehoben werden.

Unser Newsletter

Unser Newsletter informiert Sie monatlich per E-Mail über aktuelle Ausstellungen, Veranstaltungen und Neuigkeiten des Landesmuseums.

Mit der Anmeldung erklären Sie sich einverstanden, dass das Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg Ihre personenbezogenen Daten für den Erhalt des Newsletters verarbeitet. Sie können Ihre Einwilligung jederzeit widerrufen und die Löschung Ihrer Daten verlangen.

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag 10 - 18 Uhr

HomeǀAnfahrt

Eintrittspreise:
6 €, 4 € ermäßigt
Kinder (7 - 17 Jahre): 1,50 €
Familienkarte: 10