Kunstwerk des Monats

Januar 2020

Miniaturdenkmal mit Büste der Venus von Milo, um 1890
Skulptur von August Boess, Idar-Oberstein
Bergkristall (Büste), Heliotrop (Sockel)
Höhe: insgesamt 15,4 cm, die Büste 6,2 cm
Prov.: 1890 von Großherzog Nikolaus Friedrich Peter für die Großherzogliche Altertümersammlung erworben (alte Nr. 1.863)
Inv.-Nr. 31.943
Foto: Sven Adelaide

Im Augusteum sind noch bis zum 2. Feb­ruar Gemälde mit antiken „Götter(n) und Helden“ zu sehen. Der Besucher erfährt, wie die Mythen des Altertums auf Maler des Barockzeitalters gewirkt haben sowie auf einen Gegen­wartskünstler wie den Oldenburger Mi­chael Ramsauer.  Unser Kunstwerk des Monats zeigt eine weitere Variante des Antikenverständnisses, dies­mal aus dem 19. Jahrhundert: Und zwar die miniatur­hafte Nachbildung in ehr­fürchtiger Bewun­derung des großen Vor­bildes.

Das 19. Jahrhundert hat im humanisti­schen Gymnasium die „Kaderschmiede“ der Universitäten etabliert und durch die obligatorischen Lehrfächer Latein und Griechisch maßgeblich zur Schaffung eines „Bildungs­bürgertums“ beigetragen, das heute allen­falls noch rudimentär vorhan­den ist. Die Kenntnis von berühmten anti­ken Skulptu­ren wie der Laokoon-Gruppe, dem Apoll vom Belvedere, der Athena des Myron o­der der Venus von Milo durfte bei den Ab­solventen der „antiken Ochsen­tour“ vo­rausgesetzt werden. Verkleinerte Nachbil­dungen solcher Bildwerke fanden sich in bürgerlichen Wohnstuben als Nip­pes in Vitrinen und auf Bücherschränken. Unser Kunstwerk des Monats zählt eben­falls dazu. Es zeigt einen Büstenausschnitt der Venus von Milo aus Bergkristall über ei­nem Postament aus dem Mineral Helio­trop. Geschaffen hat es August Boess, ein Graveur aus Idar-Oberstein, das seinerzeit zum oldenburgischen Fürstentum Birken­feld gehörte. Großherzog Nikolaus Fried­rich Peter erwarb das nur 15 cm große Unikat im Jahre 1890 für die stolze Summe von 600 Mark.

Das stark fragmentierte Vorbild unserer Miniaturdarstellung wurde 1820 auf der Insel Melos gefunden und galt bei Gebil­deten als Inbegriff weiblicher Schönheit schlechthin. Die außerordentliche Wirkung der Statue der griechischen Liebesgöttin beruht auf der Darstellung eines komplett entblößten Oberkörpers und dem Um­stand, dass das herabrutschende Gewand der Göttin lediglich durch den angehobe­nen linken Oberschenkel vom freien Fall gebremst wird. Die Arme fehlen leider. Im 19. Jahrhundert war daher lange Zeit un­klar, in welcher Position die Göttin eigent­lich dargestellt sein sollte. Heute wissen wir, dass sie mit beiden Händen den Schild des Kriegsgottes Ares hielt und sich in dem glänzenden Metall spiegelte. Die statua­rische Darstellung verkörperte demnach den Sieg der Liebesgöttin über ihren Ge­liebten, den Kriegsgott. Die Skulptur aus Melos ist kein Original, sondern eine an­tike Kopie. Sie befindet sich seit 1821 im Louvre und zählt nach wie vor zu den Highlights der Pariser Antikensammlung. Schmale Schulter, verhältnismäßig kleiner Kopf und langer Wuchs des Körpers ver­weisen die Statue in das letzte Vier­tel des 2. Jahrhunderts vor Christus.

Schon früh im 19. Jahrhundert wurden ori­ginalgetreue Gipsabgüsse der so ge­nann­ten Venus von Milo erstellt. Für den klei­neren Geldbeutel empfahlen die Her­stel­ler auch einen Büstenausschnitt. Solch ein Teilab­guss hat sicherlich auch dem Graveur aus Idar-Oberstein als Modell für die eigene Arbeit gedient, und er hat ihn so getreu­lich miniaturhaft in Bergkristall kopiert, dass selbst Verletzungen der Mar­morober­fläche an der antiken Skulptur exakt wie­dergegeben sind. Man kann von einer ge­radezu archäologischen Genauig­keit spre­chen, was sich etwa in der Wie­dergabe der Gesichtszüge und sogar der einzelnen Haarlocken zeigt, die äußerst liebevoll nachempfunden sind.

 

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