Kunstwerk des Monats

Juli 2018

Emil Nolde
Stillleben mit Reiterfigur, 1919
Öl auf Leinwand
84 x 53,5 cm
Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg

© Nolde Stiftung Seebüll

Im Jahr 1962 erwarb das Landesmuseum Oldenburg Emil Noldes „Stillleben mit Reiterfigur“ von der Zürcher Galerie Nathan und konnte damit seine Sammlung klassischer Moderne um ein Werk des bedeutenden deutschen Expressionisten erweitern.
Ab 1910/11 widmete sich Emil Nolde (1867–1956), der mit bürgerlichem Namen Hans Emil Hansen hieß und sich 1902 nach seinem Geburtsort benannte, den kulturellen Zeugnissen und künstlerischen Formensprachen archaischer Volks- und Hochkulturen aus Afrika, Asien, Ozeanien sowie Nord- und Südamerika. Wiederholt besuchte er das Berliner Völkerkundemuseum und andere ethnografische Sammlungen, studierte indigene Artefakte und Stammeskunst und fertigte eine Fülle von Zeichnungen, aus denen er in der Folgezeit expressive, grotesk wirkende Figurenstillleben komponierte, in denen außereuropäische Formensprachen auf Positionen europäischer Malerei prallen. Das Spektrum seiner Motive erweiterte Nolde durch Objekte aus seiner kunstgewerblichen Privatsammlung, die er ab 1910 anlegte und die neben exotischen Artefakten auch Kunstgewerbearbeiten aus ganz Europa beinhaltete. Ab 1915 begann er, diese Figurenstillleben mit Blüten und Blumen zu einem Wechselspiel von Kultur und Natur zu kombinieren. Das 1919 entstandene „Stillleben mit Reiterfigur“ ist als klassische Dreieckskomposition angelegt, deren Mittel- und Höhepunkt eine weiße, teilweise farbig gestaltete Reiterfigur auf einem kleinen schlichten Podest bildet. Modell für diese Darstellung stand eine 30 cm hohe Fayence aus der Privatsammlung Noldes, die der Künstler auffallend detailgetreu in sein Bild übertragen hat. Die überwiegend weiße Figur besteht aus glasierter, in Teilen bemalter Keramik und zeigt einen Offizier in historischem Uniformrock mit grüner Schärpe und einem Dreispitz mit buntem Federbusch auf einem weißen Pferd sitzend. Das feine und zerbrechliche Figürchen wirkt durch ihre Inszenierung wie ein herrschaftliches Reiterstandbild. Dagegen betont das Podest aber auch den Objektcharakter der Reiterfigur und adelt sie zum musealen Ausstellungsstück. Zu beiden Seiten wurden üppige, exotisch anmutende rote Blüten mit gelbem Stempel drapiert – am linken Bildrand fünf Blumen in einer schlichten Vase, rechts eine einzelne, kunstvoll in Szene gesetzte Blüte. Es handelt sich hierbei vermutlich um rote „Orchideenblütige Dahlien“ (Dahlia Honka Red), die ursprünglich aus Mexiko und Guatemala stammen. Angeordnet ist das friedvolle Arrangement auf einem weißen Tischtuch vor einer gelblichen Wand, auf welcher der Schatten der Figur als blaue Silhouette wiedergegeben wird. Auffallend ist das Spiel mit der Farbwirkung, die sich durch starke Kontraste und ein magisches Leuchten auszeichnet. Vergleichbar mit der Gegenüberstellung disparater Objekte kombiniert der Künstler helle und dunkle sowie kalte und warme Töne und erzeugt dadurch eine nahezu groteske Farbigkeit. Der jüdische Kunstsammler Alfred Hess (1879–1931) aus Erfurt hatte das „Stillleben mit Reiterfigur“ von Nolde für seine Sammlung moderner Kunst erworben und seiner Frau Tekla und Sohn Hans vererbt. Die Machtübernahme der Nationalsozialisten veranlasste Tekla Hess schon bald dazu, möglichst viele Kunstwerke außer Landes zu schaffen. Es gelang ihr, das Stillleben an das Carnegie Museum of Art in Pittsburgh (USA) zu verleihen, wo es bis 1953 verwahrt wurde. Über die New Yorker Galerien Curt Valentin und Thannhauser und die Zürcher Galerie Nathan gelangte das Gemälde 1962 nach Oldenburg. Da es zwischen 1933 und 1945 weder enteignet noch zwangsweise oder aus wirtschaftlicher Not verkauft worden war, ist die Provenienz als unbedenklich einzustufen.

Noldes Stillleben ist noch bis zum 19. August 2018 in der aktuellen Sonderausstellung „Exotische Pflanzen“ im Augusteum zu sehen.

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