Kunstwerk des Monats

Mai 2018


Marie Stein-Ranke (1873–1964), Märchen lesende Kinder, 1902,
Kaltnadelradierung und Aquatinta, 48,3 x 37,4 cm,
Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg

Die am 13. Juni 1873 in Oldenburg geborene Portraitkünstlerin Marie Stein-Ranke schrieb folgenden Satz auf das im Jahr 1899 radierte Bildnis eines jungen Geschwisterpaares: „Das schönste Märchen sind die Kinder selbst.“ Die Zuneigung, die sie gegenüber Kindern empfand, wird daraus ebenso ersichtlich, wie aus den zahlreichen Kinderportraits, die sie im Laufe ihres künstlerischen Schaffens angefertigt hat. Eines davon ist das mit „Märchen lesende Kinder“ betitelte und 1902 in den druckgrafischen Techniken der Kaltnadelradierung und Aquatinta ausgeführte Doppelbildnis eines Jungen und eines Mädchens. Am linken Bildrand sitzt der in einen blauen Matrosenanzug gekleidete Junge auf einem Stuhl und liest in einem Märchenbuch, das auf seinem Schoß liegt. Den Kopf in die linke Hand gestützt und die rechte bereits zum Umblättern unter die nächste Seite gelegt, ist er in die vermeintliche Märchenwelt versunken. Das Mädchen steht rechts neben dem Stuhl, auf dessen Lehne es seinen rechten Arm legt. Der linke Arm wird hingegen eng am weit ausfallenden, roten Kleid des Mädchens nach unten geführt, sodass der aufgebauschte Stoff einen Teil der Hand verdeckt. Die langen dunklen Haare fallen ihm offen über die Schultern, während es den Kopf leicht nach rechts neigt und mit verträumtem, nachdenklichem Blick in eine hinter dem Betrachter befindliche Ferne schaut. Das Märchenbuch, in das der Junge so vertieft ist, scheint das Mädchen nicht zu interessieren, stattdessen hängt es seinen eigenen unergründlichen Gedanken nach. Der Bildhintergrund bleibt, typisch für die Portraits Marie Stein-Rankes, leer und undefiniert. In den meisten ihrer Bildnisse verzichtete die Künstlerin in absoluter Konzentration auf die individuellen Gesichts- und Wesenszüge der Dargestellten auf anschaulich-ergänzende Hintergrundgestaltungen, wie auch auf Accessoires und detailreich ausgearbeitete Kleidung.

Im Gegensatz zu ihren Zeitgenossinnen Käthe Kollwitz (1867–1945) und Paula Modersohn-Becker (1876–1907) portraitierte Marie Stein-Ranke ausschließlich Kinder aus gutsituierten Familien. Sie selbst entstammte als Tochter des Oldenburger Gymnasialdirektors Heinrich Markus Stein einem liberal geprägten und auf humanistisches Bildungsgut bedachten Elternhaus. Mit 17 Jahren entschied sie sich, von Oldenburg nach Düsseldorf zu ziehen, wo sie unter dem Maler Walter Petersen das Zeichnen und die grafische Technik des Radierens erlernte. Als weitere Stationen ihres Studienweges, in dessen Verlauf sie sich auf das Genre der Portraitdarstellungen spezialisierte, folgten München und Paris, wo sie im Atelier des Malers und Illustrators Luc Olivier Merson lernte und Arbeiten im Pariser Salon ausstellte. Auch fernab der Heimat blieb Marie Stein-Ranke mit Oldenburg verbunden, indem sie Portraitaufträge der Großherzoglichen Familie ausführte und als Mitbegründerin des „Vereins Oldenburger Kunstfreunde“ bekannte Kunsthistoriker und Kritiker für Vorträge in die Stadt holte.

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