Kunstwerk des Monats

Oktober 2018

Wasserkessel mit vogelförmiger Flöte
Entwurf: Michael Graves, 1985/USA
Ausführung: Alessi, Omegna/Italien
Edelstahl, hochpoliert, und Kunststoff

Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg
 

Vermutlich kocht heutzutage fast niemand mehr Wasser in einem Kessel auf dem Herd. Seit gefühlten fünfundzwanzig Jahren steht auf der Arbeitsfläche einer jeden bundesdeutschen Einbauküche ein Wasserkocher mit eigenem Stromanschluss, der in Minutenschnelle siedend heißes Wasser zur Verfügung stellt. In den achtziger Jahren, deren Kultur das Landesmuseum ab dem 25. November in seiner Sonderausstellung „Madonna, Manta, Mauerfall“ nachgehen wird, war das noch anders. Wer keinen Boiler über der Spüle hatte, kochte sein Teewasser tatsächlich noch im klassischen Kessel.

Der „Wasserkessel mit vogelförmiger Flöte“, entworfen im Jahre 1985 vom US-amerikanischen Designer und Architekten Michael Graves (1934-2015) für die italienische Firma Alessi, war eine moderne Version des klassischen Pfeifkessels, wie man ihn bereits im 19. Jahrhundert gekannt hatte. Man füllte ihn bei Bedarf mit kaltem Wasser und stellte den Kessel auf den Küchen- oder Wohnzimmerherd, wo er nach geraumer Weile zu simmern anfing. Die Dampfpfeife über dem Ausguss gab schließlich lautstark bekannt, dass das Wasser im Inneren des Kessels brodelte und seiner gewünschten Verwendung zugeführt werden konnte. Der Kessel basierte wie andere Kochtöpfe auch auf einem runden Grundriss, über dem sich ein bauchiger Körper erhob, seit dem 20. Jahrhundert meist in leicht eckiger Form. Der Kessel-Entwurf von Michael Graves orientiert sich dagegen an einem Kegel oder Zuckerhut und verjüngt sich nach oben. Er geht unmittelbar in den Deckel über und endet in einem kugelförmigen Knauf. Darüber wölbt sich die Handhabe in einem Zweidrittelkreis, dessen optischer Mittelpunkt vom Knauf gebildet wird. Die Handhabe ist zum Teil mit einer dicken Kunststoffbeschichtung umhüllt. Sie ermöglicht den festen, sicheren Griff des Gerätes. Der Kessel besteht aus hochpoliertem Edelstahl. Nahe dem Boden verläuft ringsum ein Kranz von scheinbaren Nieten, die einen strengen, technischen Charakter des Kessels betonen, der andrerseits durch die verspielte Form der Flöte über dem Ausguss konterkariert wird. Besagte Flöte ist ein Kunststoff-Vogel mit ausgebreiteten Flügeln und erinnert an sehr einfaches Kinderspielzeug, das zweifellos auch zu der Idee Pate gestanden hat. An der Kombination solch absolut gegensätzlicher Elemente ist die Verspieltheit der Postmoderne erkennbar, welcher der Entwerfer Graves nicht nur im Design, sondern auch in seinen architektonischen Entwürfen seinerzeit verpflichtet war.

Postmoderne allein greift freilich bei der Beurteilung von Graves‘ Designentwürfen zu kurz. Der Architekt holte sich Anregungen aus aller Welt: Die europäische Tradition, Art Déco , amerikanischer Pop und präkolumbianische Formensprache lieferten ihm Ideen, die er kreativ und originell umsetzte. Alberto Alessi hat Michael Graves 1998 folgendermaßen gewürdigt: „Er hat bewiesen, dass er das Publikum faszinieren kann wie nur wenige Designer mit denen ich zusammengearbeitet habe. Ich glaube, dass dieser Erfolg der völlig unbefangenen Annäherung an eine ökonomische Dimension zuzuschreiben ist, die diese Aktivität unvermeidlich mit sich bringt. Diese Haltung erlaubt es ihm, die Publikumserwartungen klarer zu erfassen als seine europäischen Kollegen.“

Der Wasserkessel sollte sich als „Urahne“ einer ganzen Generation von Gebrauchsgegenständen erweisen, die Alessi ab 1985 produzieren sollte. Zu nennen sind beispielsweise eine Zuckerdose und ein Sahnekännchen, die unverkennbar auf die formalen Prinzipien des Kessels zurückgehen.

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