Kunstwerk des Monats

Oktober 2018

Gabriele Münter
Portrait Hanna Stirnemann, 1934
Öl auf Pappe
44,7 x 34,7 cm
Dauerleihgabe der Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung

„Museen sind oder sollten sein lebendige Organismen“, erläuterte die promovierte Kunsthistorikerin und erste deutsche Museumsdirektorin Johanna Hofmann-Stirnemann (1899–1996) 1932 ihre Arbeit für ein modernes Museum, das fähig sein sollte, „sich zu wandeln, zu wachsen, zu sprechen in einer Sprache, die dem Lebenden immer verständlich sein muß.“

Die Museumslaufbahn von Johanna Stirnemann, die in der Forschung bislang kaum Beachtung gefunden hat, beginnt 1927 – nach dem Studium in Halle – als „wissenschaftliche Hilfsarbeiterin“ am Landesmuseum Oldenburg. Hatte sie noch über ein Thema der Kunstgeschichte des Mittelalters promoviert, entwickelte sie während der Arbeit als Assistentin des Gründungsdirektors Walter Müller-Wulckow, der ein konsequenter Verfechter der Moderne war, einen Schwerpunkt im Bereich der Gegenwartskunst. Nach ihrer Tätigkeit in Oldenburg erhielt die selbstbewusste junge Frau die Chance, sich mit der Einrichtung des Reussischen Heimatmuseums in Greiz zu beweisen. Die Museumsbestände, die mehrere Jahre in einem Keller gelagert hatten, waren von ihr einer vollständigen Neubefragung unterzogen worden. Am 12. Oktober 1929 konnte das neueingerichtete Heimatmuseum im Schloss Greiz eröffnet werden. Der kleine Ausstellungsführer, den sie hierfür publizierte, weist auch eine ‚Moderne Abteilung‘ aus, die mit Kunsthandwerksprodukten vom Bauhaus Dessau und Beleuchtungskörpern nach Modellen der Staatlichen Bauhhochschule Weimar ausgestattet war. Stirnemanns Engagement war so herausragend, dass ihr damit der Karrieresprung ans Stadtmuseum Jena gelang, wo sie am 15. November 1929 eine Stelle als wissenschaftliche Assistentin übernehmen konnte. Wenige Monate später, nach dem überraschenden Tod des Direktors, trat sie im April 1930 dessen Nachfolge an und wurde damit zur ersten Museumsdirektorin Deutschlands. Wenn auch nicht weniger als sieben Mitarbeiter Müller-Wulckows später Museumsdirektoren werden sollten, fällt auf, dass Stirnemann die einzige Frau aus der ‚Oldenburger Schule‘ war, der dieser Karrieresprung gelang.

Mit einem feinen Gespür für ein innovatives Ausstellungs- und Veranstaltungsprogramm machte Stirnemann sich schnell über die Grenzen Jenas hinaus einen Namen: Die von ihr im Januar 1931 veranstaltete Ausstellung „Neues Wohnen“ bezeichnete der Produktdesigner Wilhelm Wagenfeld später „als Ausgangspunkt seiner gesamten nun folgenden Laufbahn als ‚künstlerischer Mitarbeiter in der Industrie‘“. Nicht zufällig widmete sie eine ihrer ersten Ausstellungen der Kunst von Frauen. Eine Einzelausstellung der Fotografin des Neuen Sehens Aenne Biermann sowie eine Schau über „Junge Maler vom Bauhaus Dessau“ ergänzen neben Vortrags-, Führungs- und Vermittlungsangeboten die Programmvielfalt. 1934 präsentierte Stirnemann in Jena auch die Wanderausstellung mit Gemälden Gabriele Münters aus 25 Jahren, die 1933 im Bremer „Paula Becker-Modersohn-Haus“ gestartet war. Im Zusammenhang mit der Vorbereitung der Ausstellung in Jena müssen sich die Malerin und die Museumsdirektorin begegnet sein, und im Herbst des Jahres, bei einem Kuraufenthalt in Murnau, entstand Gabriele Münters Portrait, das die erste Museumsdirektorin Deutschlands, selbstbewusst rauchend, als Neue Frau präsentiert.

Auftreten und Haltung der jungen Direktorin führten dazu, dass sie den NS-Machthabern schon nach kurzer Zeit ein Dorn im Auge war. Nachdem Stirnemann aufgrund ihrer jüdischen Abstammung denunziert worden war, musste sie ihr Amt 1935 aufgeben. Die Nachfolge übernahm ihr ehemaliger Kollege Werner Meinhof, mit dem sie schon in Oldenburg zusammengearbeitet hatte. Im Dezember 1935 zog Stirnemann mit ihrem Mann Otto Hofmann nach Berlin, wo sie Privatunterricht in Kunstgeschichte gab. Nach dem Krieg wurde sie zur Bürgermeisterin der sächsischen Kleinstadt Hainichen ernannt und als Leiterin des Schlossmuseums Rudolstadt und kommissarische Leiterin des Goethe- und Schillerarchivs in Weimar rehabilitiert. 1950 verließ sie die DDR: „Immer unausweichlicher wurde ich in meiner Stellung zu politischen Aussagen gedrängt, die ich innerlich nicht hätte verantworten können“, erinnert sie ihre Flucht nach West-Berlin, wo sie die Geschäftsführung des Berliner Werkbundes übernahm.

Das hervorragende, von Gabriele Münter angefertigte Portrait erinnert an die glanzvollen Jahre in Jena und den Einsatz der Kunsthistorikerin für die Moderne. Das Gemälde ergänzt seit Juni 2018 die Abteilung zur Klassischen Moderne im Prinzenpalais des Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg als Dauerleihgabe der Münchner Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung. Der Aufbau der Galerie Neue Meister, die sich in mehr als 100 Jahren zu einer bedeutenden Kollektion von internationalem Niveau entwickelt hat, fiel in die Jahre der Tätigkeit Stirnemanns am Landesmuseum, wo ihre Museumslaufbahn maßgeblich geprägt wurde.

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