Kunstwerk des Monats

Oktober 2019
Hans Richard Heinmann
Brief an Friedrich Lieber mit illustriertem Briefkopf: Zwei Wanderer in Gebirgslandschaft
13. Mai 1935
Tinte, Bleistift und Aquarellfarben auf Papier
Inv. 18.980
Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg
Foto: S. Adelaide

Der von Hand geschriebene Brief, der auf die Papyri des Alten Ägypten zurückreicht, besitzt im vom Smartphone und Laptop dominierten digitalen Zeitalter Seltenheitswert. Dabei kann sich kaum jemand dem Reiz des Handgeschriebenen entziehen, zumal der Akt des Schreibens Einblicke in die mentale Situation des Autors geben und als Spiegel der Seele gedeutet werden kann. Besondere Ausdruckskraft besitzen die oft kunstvoll gestalteten Künstlerkorrespondenzen, die auch in den Sammlungen des Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg einen besonderen Stellenwert einnehmen. Ein bemerkenswerter Bestand an sogenannten Autographen gelangte im Juni 1964 mit dem Ankauf der Grafiksammlung Lieber ans Landesmuseum, der neben Briefen von Käthe Kollwitz, Arvid Fougstedt und Albert Klesse auch Schreiben des sächsischen Malers und Graphikers Hans Richard Heinmann (1875–1947) an das Sammlerehepaar Gertrud und Friedrich Lieber enthält. Der in Gardelegen in Sachsen-Anhalt geborene Heinmann studierte Malerei in Dresden und siedelte 1908 in die osterzgebirgische Kleinstadt Altenberg um. Hier lebten zu dieser Zeit auch die Liebers, die schon früh mit dem Sammeln grafischer Kunst begonnen hatten und in besonderem Maße an sächsischen Positionen des 19. und 20. Jahrhunderts interessiert waren. So verwundert es nicht, dass sie mit ihrem Nachbarn Heinmann einen engen Kontakt pflegten, der auch nach ihrem Umzug 1920 nach Leipzig Bestand hatte. Neben gegenseitigen Besuchen spielte insbesondere die langjährige Korrespondenz zwischen dem Künstler und dem Ehepaar eine wesentliche Rolle. So schickte Heinmann am 13. Mai 1935 den hier vorgestellten zweiseitigen Brief an den „Herrn Oberlehrer Lieber“, dessen Kopf eine aquarellierte Bleistiftzeichnung mit zwei Wanderern in einer Gebirgslandschaft und den handgeschriebenen Zeilen „Es zogen zwei Burschen ins Böhmerland – der eine war a Maler, der andere a Musikant“ ziert. Der persönliche Wortlaut des Briefes lässt auf die gegenseitige Wertschätzung und eine gewisse Vertrautheit der beiden Männer schließen. Allerdings ruft die Intimität der Information, dass Heinmann seinen 60. Geburtstag alleine und trinkend begangen hat, bei dem unbeteiligten Leser unweigerlich das Gefühl der Beklemmung hervor – und Scham darüber, als Außenstehender dieses persönliche Eingeständnis von Einsamkeit mitzuerleben. Der Künstler kündigt seinen baldigen Besuch in Leipzig und die Fertigstellung einiger Arbeiten für das Sammlerehepaar an. Zeitgeschichtliche Bezüge bzw. Hinweise auf das Leben im Nationalsozialismus enthält der Brief keine. Dies ändert sich mit einem Brief vom Februar 1941, in dem Heinmann von einem Bombenangriff der Alliierten und Zerstörungen in Altenberg berichtet. Die Zeichnung im Briefkopf ist nicht mehr durch die leichte Farbigkeit des Briefes von 1935 gekennzeichnet, sondern ist flüchtig und mit schwarzer Tinte ausgeführt. Der Duktus der Zeichnung findet sich auch im Schriftbild wieder, das unruhig und schwer leserlich geworden ist.

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